Die Mediendebatte zum Wochenanfang dreht sich vor allem um den SPD-Parteitag. Den neuen Vorsitz hält nun auch offiziell Kurt Beck inne, mit 95 Prozent der Stimmen wurde er gewählt. Viel beachtet war also seine Rede, aus der die Medien auf die künftige Grundausrichtung der SPD schlossen. Euphorische Aufbruchstimmung kann man in den Kommentaren nicht herauslesen, eher zeigen sich die Journalisten distanziert bis leicht kritisch gegenüber der neuen SPD-Führung.

Mit radikaler Reformrhetorik ist es in der SPD vorbei, doch einen Rückfall in alte sozialdemokratische Denkmuster gibt es mit und unter Kurt Beck ebenfalls nicht und vielleicht ist er für seine Partei in der jetzigen Situation genau deswegen der Richtige. Warum, das weiß die Stuttgarter Zeitung : "Mit Kurt Beck haben die Sozialdemokraten einen neuen Ruhepol gefunden: eine Art Parteipapa mit viel Verständnis für die Sorgen der Genossen - machtbewusst und durchsetzungsfähig, jedoch ohne originelle Botschaften." Die Rheinpfalz wertet Becks Auftritt vor den Genossen ähnlich: "Bedachtsam, aber glanzlos; ohne Visionen, aber glaubwürdig; verbindlich und doch machtbewusst."

Auch der Generalanzeiger Bonn hält Becks Rede nicht für visionär, doch lobt er sie für ihre präzise Ausbalanciertheit. So könnten alle zufrieden sein: Linke wie Rechte und sogar der Koalitionspartner. Die Zeitung urteilt: "Ein Opportunist im SPD- Vorsitz? Nein eher ein Pragmatiker mit Prinzipien." Auch die Leipziger Volkszeitung meint: "Beck ist einer, der nichts kaputt macht." Die SPD fühle sich wieder aufgehoben - denn: "So wie Beck spricht ein Sozi, denkt ein Sozi, sieht ein Sozi aus." Nach den Alpha-Tieren Müntefering und Schröder habe sich die Partei danach verzehrt, wieder gestreichelt zu werden, schreibt die Berliner Zeitung . "Sie genießt daher den Beck-Stil, der sich dadurch auszeichnet, dass der Zug erst abfährt, wenn auch wirklich alle drin sind."

In den Augen der Financial Times Deutschland hat der neue SPD-Chef der Partei-Basis "nach dem Mund geredet" - und vermisst bereits jetzt den energischen Mahner zur Erneuerung Matthias Platzeck. Eine Kurskorrektur sei nicht zu erwarten, bemerkt auch die Braunschweiger Zeitung . Schließlich wolle die "wundgeriebene Parteiseele in Ruhe wieder Orientierung" finden; gleichzeitig müsse Beck dafür sorgen, dass der Reformpolitik keine Steine aus den eigenen Reihen gelegt würden. Hierfür ist der Pfälzer nach Meinung des Blattes der Richtige: "Da ist kein Vordenker auf dem Chefsessel gefragt, sondern einer wie Beck, der Reformpolitik pragmatisch mit sozialdemokratischem Heimatgefühl und rhetorischer Wurzelpflege verbindet."

Die Welt befürchtet, dass die Modernisierung der SPD nun nicht vollzogen wird. Die Reformgegner seien "am Ziel, ganz ohne Putsch: In einem großen Sowohl-als-auch umarmte der neue Vorsitzende alle Positionen - sogar die, die nicht zu versöhnen sind." Unter Beck sei Ruhe "die erste Genossenpflicht" - schlechte Aussichten für das Land, meint das Springer-Blatt. Es möge sein, dass die SPD jetzt Ruhe brauche. Doch was jetzt in der Person Becks Verlässlichkeit verspreche, stutze der Berliner Koalition in Wahrheit die Flügel. "Je tiefer Kurt Beck nämlich seine Partei im gefühlten Gestern eingräbt, um so schwieriger wird es für Angela Merkel, wenn sie noch will, Neues zu wagen."

Auch der Münchner Merkur glaubt an turbulente Zeiten in der Großen Koalition, schließlich wolle Beck das Profil seiner Partei als "linke Volkspartei" schärfen. "Bei allem Verständnis für die Profilierungsnöte der Sozialdemokraten, denen der rücksichtslose Pragmatismus der Ära Schröder noch traumatisch in den Gliedern steckt: Für Angela Merkel und die Union dürften die neuen Töne nicht gerade verheißungsvoll klingen."