Okapi. Fachbegriff: Okapia Johnstoni, Paarhufer aus der Familie der Giraffen, etwa 2,1 Meter Körperlänge, meist tief- oder kastanienbraun, an den Oberschenkeln zebraähnlich gestreift. Ein durchweg friedliches Tier mit extrem langer und flinker Zunge, das nur in den Regenwäldern des Kongos lebt. Die Weißen hielten es anfangs für ein Fabelwesen, dann für ein Pferd. 

"Passt doch zu uns", sagte sich die Crew von Technikern und Journalisten, die im Februar 2002 in einer Baracke in Kinshasa noch schnell die Studiowände mit Schaumstoffmatratzen isolierten, bevor sie zum ersten Mal auf Sendung ging. So wurde "Radio Okapi" geboren: Wahrscheinlich das erste Radio im Kongo, dem nach meiner - zweifellos nicht repräsentativen Erhebung - alle elf Straßenhändler vertrauen, die ich zwischen Matonge und Gombe befragt habe. Vor allem an diesem Tag der guten Nachrichten. "Die Leoparden sind auf Platz 70 vorgerückt – bald holen wir China ein", sagt der Imbissverkäufer vor der portugiesischen Botschaft, und scheint mit sich und der Welt vollkommen im Reinen. "Hab’s heute morgen auf Radio Okapi gehört." Mit "Leoparden" meint er die kongolesische Fußball-Nationalmannschaft, die sich mühselig auf der Weltrangliste der FIFA vorarbeitet – und wenn Radio Okapi sagt, dass die "Leoparden" demnächst das mächtige China abhängen werden, dann muss das stimmen.

12 Avenue des Aviateurs, Kinshasa, Stadtteil Gombe. Wer die Redaktion besuchen will, muss Schranke, Stacheldrahtsperren und ein Panzerfahrzeug der Blauhelme passieren. Radio Okapi produziert und sendet unter dem Schutz der Vereinten Nationen. Die kongolesische Polizei hat keinen Zutritt, was das Leben der Redaktion sehr erleichtert. Der private Fernsehsender Tropicana hatte kürzlich wieder Besuch von der Polizei; Zeitungskollegen verschwinden schnell im Gefängnis, wenn sie Korruptionsskandale recherchieren, was im Kongo meist ein Verfahren wegen "Verleumdung" nach sich zieht. "Die Presse traut sich hier einiges", sagt Leonard Mulamba, stellvertretender Chefredakteur bei Radio Okapi. Früher hat er bei Le Potentiel gearbeitet, einer der seriöseren Zeitungen in Kinshasa. Doch Printmedien fristen ein trauriges Dasein im Kongo, wo ein Drittel der Männer und fast die Hälfte aller Frauen nicht lesen können. Die durchschnittliche Auflage einer Tageszeitung liegt bei 1.000 Exemplaren, der durchschnittliche Hungerlohn von 60 Dollar im Monat macht schreibende Redakteure anfällig für bezahlte Hofberichterstattung. Auch das Fernsehen richtet außerhalb der Städte wenig aus. Die Minderheit, die sich einen Fernseher leisten kann, bekommt amateurhaftes Programm geboten – und auch das nur, wenn der Strom fließt.

Wahre Medienmacht entfaltet im Kongo nur das Radio. Deswegen bezog die Schweizer "Foundation Hirondelle", die Journalisten in Nachkriegsländern ausbildet, vor über vier Jahren eine Baracke im Hauptquartier der MONUC, der UN-Mission im Kongo. Man installierte einen Sendemast, warb den einheimischen Medien die besten Journalisten wie Leonard Mulamba ab (was in diesem Fall einen vertretbaren Kollateralschaden darstellte), holte junge Talente von der katholischen Universität, schickte sie in Workshops und durch eine Aufnahmeprüfung. Und zahlt ihnen 600 Dollar im Monat. Damit ist man in Kinshasa nicht reich, kann aber auf die zeitraubenden  legalen, halblegalen und illegalen Transaktionen verzichten, mit denen die Mehrheit der Kongolesen ihr Überleben sichern muss.

Das vorläufige Ergebnis: 200 überwiegend kongolesische Journalisten, Techniker, Übersetzer und Ausbilder – verteilt auf ein Hauptstadtstudio und acht Regionalstudios; täglich 18 Stunden Programm auf Französisch, Lingala, Kisuaheli, Kikongo und Tshiluba; die populärste Website des Landes ; täglich mehrere zehn Millionen Hörer. Und das Ganze für ein eher bescheidenes Jahresbudget von vier Millionen Dollar. Den nicht immer vorteilhaften Ruch des "UN-Radios" hat die Redaktion inzwischen abgeschüttelt, wobei man den Vereinten Nationen sowie der Schweizer Stiftung konstatieren muss: Hier ist ihnen etwas Einmaliges gelungen - ein professionelles, multiethnisches Radio, das in fast jede Ecke dieses Riesenlandes ausstrahlt und seinem Publikum außer Musik, Kultur und Sport auch die Erkenntnis bietet, dass die Öffentlichkeit so machtlos nicht ist.

Gleich am Eingang sitzt Titi, die Telefonistin, die eine strategisch zentrale Stelle besetzt. Sie nimmt Kommentare, Fragen, Beschwerden entgegen, die Okapi-Hörer meist per SMS durchgeben, was am billigsten ist. In Butembo, so ein Hörer, funktioniert die Wasserversorgung nicht; in Mbuji-Mayi manipulieren Unbekannte die Grundstücksmarkierungen des Katasteramts; in Bukavu plündern Soldaten nachts die Einwohner aus; am Atlantikhafen von Boma montieren Diebe Radios aus importierten Autos; aus Iga Barriere werden Fälle von Cholera gemeldet. Titi nimmt täglich die großen und kleinen Katastrophen des Landes entgegen, tippt sie in den Computer, worauf oft Okapi-Reporter ausrücken, Material für eine kurze Reportage zurückbringen, Experten und politisch Verantwortliche vor das Mikrofon holen: den Chef des Wasserwerks, den Leiter des Gesundheitsamts, den Bürgermeister oder auch mal einen General – also all jene Repräsentanten eines ebenso unfähigen wie korrupten Staatsgebildes, die bislang niemandem Rede und Antwort stehen mussten. Nicht immer geht das glimpflich ab. Gerade erst wurde ein Okapi-Reporter in Kisangani von Soldaten der Präsidentengarde krankenhausreif geschlagen, weil er deren Kommandanten zu Übergriffen auf die Zivilbevölkerung befragen wollte. Aber grundsätzlich gilt: Die Mächtigen können es sich nicht mehr leisten, Radio Okapi zu ignorieren, schon gar nicht jetzt im Wahlkampf.