Wahrscheinlich fiel der Satz, der die Republik in Wallung versetzte, eher nebenbei, im Zuge eines längeren Interviews. "Es gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen. Er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen", hatte Ex-Regierungssprecher Heye gesagt. Vielen Politikern, allen voran dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck und seinem Innenminister Jörg Schönbohm schmeckte das gar nicht. "Verunglimpfung", "Stigmatisierung", "unverantwortlich", schimpften sie zurück.

Am Tag drei nach Heyes Äußerungen hat sich die Stimmung zumindest in den Medien jedoch zu seinen Gunsten gedreht. Während viele Zeitungen zunächst in die öffentliche Empörung einstimmten – und zwar nicht nur die ostdeutschen – hat sich die erste Wut auf den "Nestbeschmutzer", der all die schönen Imagekampagnen unter dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" mit einem einzigen Interview zunichte machte, gelegt. Stattdessen sind die Medien mittlerweile der Ansicht, dass vielleicht doch nicht Heye das Problem ist, sondern die von ihm beschriebenen Zustände.

"Kleine Kinder sind bekanntlich der Meinung, dass man sie nicht sieht, wenn sie sich die Augen zuhalten", schreibt die Frankfurter Rundschau . Große Teile der politischen Klassen seien über diesen Zustand der Infantilität offenbar ebenfalls noch nicht hinausgekommen. Denn ihre Reaktionen auf Heyes Äußerungen könnten nur so gedeutet werden, dass sie glaubten, wenn man auf Probleme nicht hinweise, seien sie nicht da.

Auch die tageszeitung fokussiert ihre Kritik auf die Kritiker. "Erschreckend ist nicht, was Heye gesagt hat, erschreckend sind die Reaktionen darauf", heißt es dort. Und weiter: "Der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm meint sogar, dass solche Gegenden (wie Heye sie beschrieben hat), nicht existieren." Dies sei umso erstaunlicher, als Schönbohm selbst erst unlängst den brandenburgischen Verfassungsschutzbericht vorgestellt habe, in dem "17 Orte aufgezählt werden, an denen rechtsextreme Subkulturen aktiv sind, die spontan auf alles losgehen, was anders aussieht als sie selbst". 

Berliner Zeitung stellt sich ebenfalls hinter den Ex-Regierungssprecher. "Heye sei Dank" heißt es gleich in der Überschrift. Gleichwohl, findet man, hätte Heye stärker auf die "Mitschuld von Politik, Justiz und Medien" an der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit hinweisen sollen. Auch fast alle Regionalzeitungen, die sich des Themas annehmen, sind im Gegensatz zu den Kommentatoren vom vorangegangenen Tag nun der Meinung, die Kriitk Heyes sei zwar "nicht besonders diplomatisch"  ( Heilbronner Stimme ) vorgetragen gewesen, gleichwohl könne an der Sache selbst kein Zweifel bestehen.

Die

Auf die Suche nach tiefer liegenden Ursachen für den Aufruhr, den Heye mit seiner Bemerkung zunächst dennoch auslöste, macht sich der Tagesspiegel , verliert sich dabei jedoch in einer sehr gewagten Großthese. Die Aufregung sei deswegen so groß, weil Heye gegen etwas verstoßen habe, "was mehr und mehr zum Kennzeichen dieser Republik wird: Deutschlands gesammeltes Schweigen. Was auch geschieht in letzter Zeit, es versinkt in einer unheimlichen Stille." Schwierige Themen würden von den Politikern aus Opportunitätsgründen am liebsten gar nicht erst angesprochen. Der Kommentar gipfelt in einem Hilfeschrei an den Bundespräsidenten: Der soll das "Schweigen der Belämmerten" durchbrechen.
 
Hilflosigkeit im Umgang mit dem Rechtsextremismus offenbart sich aber auch in manchem anderen Kommentar. "Widerstand aus der Mitte der Gesellschaft", fordert die Thüringer Allgemeine Zeitung , die Frankfurter Rundschau möchte einen offenen Umgang mit dem Problem, und die tageszeitung mahnt "konkrete, ausdauernde, unspektakuläre Arbeit vor Ort" an. Das ist alles so richtig wie altbekannt.

Doch der eigentliche Wert der gegenwärtigen Debatte besteht wohl eher darin, dass die Existenz von so genannten No-Go-Areas für Ausländer ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt wurde. Und das ist ja auch schon etwas.