In ihren Hosentaschen schleppen Menschen unzählige Dinge mit sich herum. Kugelschreiber, Geldbörse, Kosmetik oder Taschenmesser werden eingesteckt. Vielleicht brauchen sie diese einmal, später irgendwann. Nach demselben Prinzip packen sie Koffer oder denken an die Altersvorsorge. Dass Menschen in die Zukunft planen können, ist eine ihrer herausragenden Eigenschaften. Lange Zeit galt sie unbestritten als einzigartig menschlich.

Doch die Einzigartigkeit unseres Intellekts bröckelt. Immer mehr Experimente aus der Primatenforschung zeigen, dass viele unserer Fähigkeiten gar kein Privileg sind, sondern dass wir sie mit den Affen teilen. In der aktuellen Ausgabe des amerikanischen Wissenschaftsmagazins Science zeigen Nicholas Mulcahy und Josep Call vom Leipziger Max Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie jetzt sogar, dass Affen in die Zukunft planen. Die Wissenschaftler stellten Orang-Utans und Zwergschimpansen vor ein Problem, dessen Lösung die Tiere ganz offensichtlich zu einem früheren Zeitpunkt vorbereitet hatten.

Die Tiere lernten zunächst, dass sie nur mit einem Werkzeug an ihr Futter kommen. Dieses Werkzeug lag nicht immer bereit. Die Affen mussten es deshalb nach dem Fressen in den Schlafraum bringen und später - zum Fressen - wieder in den Testraum tragen. Bei den Werkzeugen handelte es sich zum Beispiel um einen Haken an einem langen Stiel, mit dem man eine Schnur heranziehen konnte. An der Schnur hing eine Milchflasche.

Die Affen mussten also nicht das Futter horten, wie Hamster, Eichhörnchen und viele andere Tiere; die Affen mussten Gegenstände aufbewahren, die zum Erreichen von Futter dienen – eine besondere Leistung, weil sie ein zeitliches Muster voraussetzt. Die Affen taten damit etwas, wofür sie nicht unmittelbar belohnt wurden. Zwischen dem Zeitpunkt, zu dem die Tiere das Werkzeug in Sicherheit brachten und dem nächsten Einsatz des Werkzeugs zur Fütterungszeit lagen bei verschiedenen Tieren bis zu 14 Stunden. Gegen den Zufall spricht, dass die Affen die geeigneten Werkzeuge, sobald sie sie mitgenommen hatten, in rund 70 Prozent der Fälle auch wieder zurück an die Futterstelle brachten.

Für Josep Call ein klarer Beweis dafür, dass Affen an ihre Zukunft denken und entsprechend planen. Etwas vorsichtiger ausgedrückt hieße das: Auch in der Vorstellung von Affen gibt es etwas, das "später" bedeutet. In jedem Fall ist es eine "zukünftige Motivation", welche die Affen antreibt, interpretiert Nicky Clayton, Professorin am Department für Experimentelle Psychologie in Cambridge. Clayton hatte bereits zuvor in Experimenten gezeigt, dass Krähenvögel ihr Futter von einem Ort zum nächsten bringen, um es vor Feinden zu schützen. Dieser Nachweis sollte ebenfalls planendes Verhalten belegen.

Doch geht es hier tatsächlich um Planen? Können die Ergebnisse von Call und Mulcay vielleicht auch durch Konditionierung erklärt werden? Gegen diese Erklärung sprechen die langen Zeiträume zwischen Transport und Futter. Die traditionelle Konditionierungstheorie geht davon aus, dass die Tiere innerhalb kurzer Zeit nach dem Handeln belohnt werden müssen. Die Affen transportieren jedoch einen Gegenstand, den sie eine Stunde später oder sogar erst am nächsten Tag nutzen. Diese vierzehn Stunden Pause erfasst die Konditionierungstheorie nicht mehr – sie erklärt nicht einmal eine Stunde Warten auf die Belohnung.