Synopsis:
Obwohl der 14. Juni des Jahres 1935 ein Herbsttag ist, herrscht drückende Hitze über dem namenlosen Flecken Erde irgendwo in der Provinz Paraguays. CANDIDA und RAMON, ein altes Ehepaar, warten in einer Hängematte auf Regen und auf ihren Sohn, der in den Krieg gegen das Nachbarland Bolivien gezogen ist.

Kritik:
Ein Film mit bis zu 10 Minuten langen, statisch gefilmten Einstellungen, die einem alten Mann und einer alten Frau dabei zusehen, wie sie die Zeit totschlagen und sich dann auch noch in der Nationalsprache Guarani, der Sprache der Ureinwohner unterhalten, das bedeutet für ein auf der filmischen Landkarte bisher inexistentes Land wie Paraguay nichts weniger als eine unglaubliche Sensation. Datiert doch der letzte Spielfilm, der in dem Andenstaat entstand, aus der despotischen Ära des deutschstämmigen Generals Alfredo Stroessner – damals setzte der Diktator in patriotisch-schwülstigen Bildern den zerstörerischen Krieg von 1865-70 gegen die übermächtige Allianz Uruguays, Brasiliens und Argentiniens in Szene, mit seinen eigenen Kindern als Hauptdarstellern!

Hamaca Paraguaya („Die paraguayische Hängematte“) - das Erstlingswerk der indianischstämmigen Regisseurin Paz Encina - ist auch deshalb so beeindruckend, weil es stilistisch wie inhaltlich einen völlig eigenständigen Weg sucht, anstatt sich an der filmischen Tradition anderer lateinamerikanischer Länder zu orientieren. Wie in Becketts „Warten auf Godot“ inszeniert Encina das Verstreichen der Zeit und das damit verbundene Schweigen ihrer Akteure wie ein Theaterstück. Das alte Paar betritt die Bühne – hier ist es ein von der Kamera ausgewählter Ausschnitt der Natur - und nimmt in der ersten Einstellung auf einer Hängematte Platz, um dabei tausendfach wiederholte Alltagsrituale zu verrichten. Die Frau ärgert sich über das entfernte Gebell ihres Hundes, der Männer sinniert über das Wetter und denkt sehnsüchtig an den einzigen Sohn, der im Bürgerkrieg um die Provinz Chaco verschollen ist.

Aus der Totale vom Stativ gefilmt, erfasst der Zuschauer erst nach ein paar Minuten, dass die Lippen von Candida und Ramon die ganze Zeit über geschlossen sind und somit eigentlich eine traurige, einsame Stille herrscht zwischen den Eheleuten. Auch ihren Ehestreit um das Schicksal ihres Sohnes – Ramon glaubt an ein Wiedersehen, während Candida ihren Sohn für tot erklärt – verlagert die Regisseurin also in den Kopf der Akteure und somit auch in den Kopf des Zuschauers. Ihr geht es um die Zeit zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Brüche der Erinnerung, die dabei zum Vorschein kommen. Semantische Wiederholungen und darin zum Ausdruck kommende stille Schreie stehen für eine ungestillte Sehnsucht, die über das persönliche Schicksal der Eheleute hinausreicht.

Paz Encinas melancholische Meditation ist ein wagemutiger Film, weil die Regisseurin auf mehreren Ebenen gleichzeitig Herkulesarbeit verrichtet: Mit ihrer Beobachtung von Alltagsritualen – etwa dem Schälen der Orange – oder den ihre Protagonisten umgebenden akustischen und optischen Naturphänomenen vermisst die Regisseurin die Zeit nach eigenem Empfinden, gibt jedem Moment aus dem Leben ihrer Landsleute seine ihm innewohnende Zeitspanne zurück, um diesen Augenblick so vollständig wie möglich ins Bewusstsein des Betrachters zurück zu holen. Hinter diesem, die Zeit ausdehnenden, gegen heutige Sehgewohnheiten verstoßenden Verfahren kommt zugleich eine andere Dimension dieses Films zum Vorschein. Hamaca Paraguaya offenbart mit seiner Langsamkeit und Demut einen Blick in die Seele eines geschundenen Volkes und die damit verbundene Sehnsucht, dieser endlich einen eigenen, angemessenen filmischen Ausdruck verleihen zu können.
Sterne: ***