Eine kleine Äußerung des ehemaligen Regierungssprechers Karl-Uwe Heye hat ausgereicht, um eine intensive Debatte über Rassismus in Deutschland loszutreten. Wer sich mit anderer Hautfarbe in bestimmte Gebiete in Brandenburg begebe, könne nicht sicher sein, lebendig wieder herauszukommen, sagte Heye am vergangenen Mittwoch gegenüber dem Deutschlandradio Kultur. Unverzüglich sprangen alle übrigen Politiker vor die Mikrofone, um den Mann zu geißeln - schon am nächsten Tag schwächte der Ex-Regierungssprecher seine Warnung ab. Doch die Medien, auch ZEIT online , pflichteten dem Urteil Heyes bei. Und schon war es an der Politik, den Aufschrei der Entrüstung abzudämpfen. Als erster revidierte Matthias Platzeck seine Kritik an Heye.

Weniger einsichtig zeigte sich Bayerns Innenminister Günther Beckstein in der Talkshow "Sabine Christiansen", zu der neben Matthias Platzeck und Beckstein auch Daniel Cohn-Bendit geladen war - und der Afrodeutsche John Kantara, der am Freitag auf ZEIT online ein flammendes Bild seines Heimatlandes gezeichnet hatte . Beckstein indes bestreitet fremdenfeindliche Gewalt nicht, doch hält er Warnungen vor bestimmten deutschen Regionen für "nicht vernünftig". "Ein Türke lebt in München im Zweifel sicherer als in Ankara oder Istanbul."

In eine ähnliche Kerbe schlägt die BILD -Zeitung. Franz Josef Wagner relativiert dort die so genannten deutschen No-go-Areas, schließlich gebe es überall auf der Welt gewaltbereite "Idioten". Auch die Sächsische Zeitung bemüht sich, das Problem der Rechtsradikalen aus dem Land zu hieven: "Schlimme Finger" würden andere Nationen ebenso kennen. Etwas ausgeglichener als Bild argumentiert man dennoch: "Die Debatte ist vor der Weltmeisterschaft durchaus nicht schädlich."

Andere Zeitungen bemühen sich dagegen nicht, das Problem ins Ausland zu schieben. "Wer versucht, rassistische Übergriffe zu bagatellisieren oder als Einzelfälle einzustufen, verweigert sich der Realität", schreiben die Nürnberger Nachrichten . Nicht Heye habe mit seiner Bemerkung Deutschlands Ruf geschädigt. "Das ist das Werk der Rechtsextremisten", erinnert das Blatt. Die Leipziger Volkszeitung warnt: "(B)isher hat alle Vorsicht vor dem so genannten Hochspielen des Problems allein den Gewalttätern genutzt."

Und dass die rechte Gewalt weiter zunimmt, beweist der am Montag veröffentlichte Verfassungsschutzbericht. Um weitere 400 Personen ist der Kreis gewaltbereiter Rechtsradikaler im Vergleich zum Vorjahr angewachsen, schätzt der Verfassungsschutz. Der Angriff auf den kurdisch-stämmigen Abgeordneten Giyasetin Sayan aus der Linkspartei vergangenen Freitag in Berlin-Lichtenberg scheint so gesehen erst recht kein Zufall mehr, sondern ein Symptom.

Dass No-go-Areas für Ausländer hierzulande existieren, wird kaum mehr bezweifelt. Die Rhein-Neckar-Zeitung schreibt dazu: "Dauer-Verharmloser bekommen langsam ein Problem: Die Fälle rassistischer Übergriffe in Deutschland lassen sich nicht mehr unter den Teppich der WM-Seligkeit reden." Die Frankfurter Rundschau schlägt vor: "Wir fangen damit an, uns offen mit den rechten Schandflecken unserer Gesellschaft zu befassen. Damit alle Menschen, die hier leben, sich auch zu Hause fühlen können. Und damit alle WM-Besucher wirklich zu Gast bei Freunden sind."