Vor kurzem erregte auch im skandinavischen Einwanderungsland Schweden, das auf seine Integrationsleistung zu stolz ist, der Fall einer Schulschließung Aufsehen: Die Hermodsdalschule in Malmö stellte den Lehrbetrieb in den drei obersten Schulklassen, für die 13 bis 15jährigen, ein. Begründung: Die Schule sei der zunehmenden Gewalt unter den Schülern, aber auch gegenüber Lehrkräften, nicht mehr Herr geworden. Die Schule liegt in einem Viertel mit über neunzig prozentigen Ausländeranteil und hoher Arbeitslosigkeit.

DIE ZEIT: In Malmö stellte vor kurzem eine Schule mit hohem Ausländeranteil einen Teil ihres Lehrbetriebs ein: Sie werde der Gewalt nicht mehr Herr, hieß es in der Begründung. Ist das ein krasser Einzelfall oder ein Krisensymptom für ganz Schweden.

Andreas Carlgren: Das schwedische Schulsystem funktioniert insgesamt nach wie vor sehr gut, gerade auch bei der Vermittlung demokratischer und sozialer Lernziele. Probleme mit der Integration gibt es aber da, wo der Ausländeranteil an der Bevölkerung besonders hoch ist und dementsprechend auch unter den Arbeitslosen, wie das in Malmö der Fall ist.

Zeit: Sind die Integrationsprobleme in Malmö also größer als anderswo?

Carlgren: Wir beobachten eine zunehmende Segregation zwischen Inländern und Zugewanderten in allen schwedischen Kommunen, auch in mittelgroßen Städten. Aber dort, wo die Ausländerarbeitslosigkeit hoch ist, gibt es auch mehr soziale Spannungen. Die Ausländer, besonders Frauen und Jugendliche, erfahren ihre Situation als Diskriminierung. Hinzu kommt, dass die Kinder von Eltern, die ohne bezahlte Arbeit sind, in der Schule schlechter abschneiden, was ihre Zukunftsaussichten zusätzlich belastet und die Frustration steigert.

Zeit: Gilt das nicht für alle Randschichten in der „Klassengesellschaft“?

Carlgren: Richtig, aber wegen des höheren Ausländeranteils an den Arbeitslosen potenzieren sich diese Situation und die darauf beruhende Chancenungleichheit auf dem Arbeitsmarkt für die zweite Generation der Zuwanderer. Die „Klassenfrage“ ist in Schweden insofern ethnisch geprägt. Zugleich zeigt die Statistik aber auch, dass gerade Migrantenkinder, die in einigermaßen stabilen Verhältnissen leben, in der Schule großen Ehrgeiz entwickeln und überdurchschnittlich gut abschneiden.