Die Große Mauer in China sollte früher nicht nur das Reich der Mitte sichern, sondern auch von barbarischen Einflüssen fernhalten. Heute dienen Zensur und Internet-Filter als Mauer gegen den barbarischen Westen, von einem freien Informationsfluss im Internet kann in China nicht die Rede sein. Man spricht vom " Great Firewall of China ".

Ausgesperrt wird aus dem chinesischen Netz auch die bekannte Wikipedia . Die freie Enzyklopädie wird von ihren Nutzern geschrieben und gepflegt, es gibt sie in zahlreichen Sprachversionen. Die chinesischsprachige Wikipedia umfasst etwas mehr als 67.000 Artikel. Gemessen an der Zahl der Chinesen, ist das wenig.

Inzwischen war die Wikipedia in all ihren Sprachversionen so häufig Ziel von Sperrmaßnahmen durch die Behörden der Volksrepublik, dass es dazu einen eigenen Artikel gibt: " Blocking of Wikipedia in mainland China ". Die Verunsicherung potenzieller Mitarbeiter in der VR China ist dabei ein erwünschter Nebeneffekt dieser Politik. Seit dem 19. Oktober 2005 ist der Zugriff auf die Wikipedia aus China gesperrt. Wie es scheint, endgültig.

Dafür gibt es seit April eine neue, chinesischsprachige Enzyklopädie, die nutzergenerierte Inhalte anbietet: Die Baidu Baike , im Englischen Baidupedia genannt. Sie wird betrieben von der im Nasdaq als BIDU geführten Suchmaschine Baidu . In der VR China hat sie einen größeren Marktanteil als der dortige Google-Ableger. Der Name Baidu bedeutet, angelehnt an ein altes Poem, "hundert(e) Male" im Sinne einer immerwährenden Suche nach dem Ideal.

In der Baidu Baike können nur Nutzer Artikel schreiben oder verändern, die sich vorher registriert haben. Freigeschaltet werden alle Beiträge von Moderatoren. Letztere können jedem Artikel bis zu fünf verlinkte Schlagworte (so genannte Tags) zuweisen, die Artikel sind auf 20.000 Wörter begrenzt. Dass dabei zensiert wird, liegt auf der Hand. "Schlechte Bewertungen des gegenwärtigen nationalen Systems" und "Angriffe auf Regierungsinstitutionen" sind nicht erlaubt.

Seit ihrem Start wächst die Baidupedia rasant - aktuell umfasst sie mehr als 100.000 Artikel, also mehr als die chinesische Wikipedia. Vorwürfe an Baidus Enzyklopädie, Inhalte von Wikipedia kopiert zu haben, gehen aber ins Leere. Hinter Wikipedia steht keine Firma, sondern die Wikimedia Foundation . Diese ist nicht Inhaberin, sondern nur eine Nutzerin der Wikipedia-Texte. Das Urheberrecht liegt entsprechend der Lizenzbestimmungen bei deren Autoren. Die Übernahme von Texten aus der Wikipedia ist erlaubt - vorausgesetzt, die Quelle wird genannt. Zudem muss Baidu es erlauben, dass aus Wikipedia übernommene Inhalte der Baike ebenfalls frei zitiert und verwendet werden können. Ob das so ist, wird man erst noch sehen. Schwerer wiegt schon der Vorwurf, dass die Firma (!) Baidu das Haftungsrisiko für Baike-Beiträge auf deren Autoren abwälzt.