Der bekannteste Offizier der Bundeswehr ist wohl Bernhard Gertz, Oberst und Vorsitzender des Bundeswehrverbandes, und das schon seit beinahe 13 Jahren. Er hat so manchen Verteidigungsminister kommen und gehen gesehen, und lässt es jede neue Führung auch gerne spüren. Die ihm eigene Mischung aus Bräsigkeit und Chuzpe macht ihn zu einer Nervensäge erster Güte, doch jedes Mal dann, wenn sich die „Er nun wieder“-Reaktion einstellen will, stellt der bullige Mann seine Profiqualität unter Beweis. An diesem Mittwoch, einen Tag vor der Übernahme des regionalen ISAF-Kommandos in Nord-Afghanistan durch die Bundeswehr, brachte er der Leipziger Volkszeitung bundesweite Aufmerksamkeit ein, indem sie ihn mit dem Satz zitieren konnte: „Unser Einsatz in Afghanistan basiert nicht auf einem wirklich schlüssigen Konzept. Die Aufgabenverteilung zwischen den Nationen funktioniert nicht richtig. Notwendige Aufgaben, wie die Drogenbekämpfung, werden eher links liegen gelassen. Insgesamt verfehlen wir das Ziel, die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern.“ Wer wollte das angesichts der afghanischen Wirklichkeiten bestreiten?

Geäußert hat sich auch sein Dienstherr: Im ARD-Morgenmagazin sagte Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) am Mittwoch, die dortige Lage sei „gefährlich“. Es gebe auch dort „vereinzelte hinterhältige Anschläge“ der radikal-islamischen Taliban, also nicht nur im Süden und im Osten. Wenige Stunden später gab es Neuigkeiten aus Kabul: Tom Collins, Sprecher der US-Streitkräfte in Afghanistan, räumte ein, dass amerikanische Soldaten vor den schweren Unruhen in Kabul am Montag möglicherweise doch auf Zivilisten geschossen haben. Aus Südafghanistan wurden unterdessen neuerliche Gefechte gemeldet, die Todesopfer sollen in die Hunderte gehen.

Das also ist die Lage, in der die Bundeswehr das Kommando übernimmt. Sie befindet sich wie alle anderen westlichen Truppen im Visier der Aufständischen. An allen ihren bisherigen Standorten in Afghanistan - Kabul, Kundus und Feisabad - wurden bereits Anschläge auf die Truppe verübt. „Unwahrscheinlich ist daher, dass die bis Jahresende 1700 deutschen Soldaten am neuen Standort Masar-i-Scharif von Angriffen verschont bleiben“, heißt es in einem Hintergrundbericht der dpa.

Allenthalben wird innerhalb und außerhalb der Truppe daher die Frage gestellt, wie gut sie für derartige Aufgaben im Ausland ausgebildet und ausgerüstet sei.

Der kürzlich veröffentlichte Bericht des Wehrbeauftragten stellte dazu fest: „Mehr als 195.000 Soldatinnen und Soldaten haben bereits an solchen Einsätzen teilgenommen, viele davon mehrmals“. Und allzu oft mit zu kurzen Erholungspausen zwischen den Einsätzen, wegen des Personalmangels in der Truppe. Ausbildungsmängel kommen hinzu, bis dahin, dass den Soldaten in vielen Fällen erst am Einsatzort beigebracht wird, wie sie mit ihren Handfeuerwaffen umzugehen haben, etwa wegen „fehlender Verfügbarkeit geeigneter Schießbahnen“. Mangelnde Transparenz sei ein weiteres Problem – und es ist eines, das tief reicht, denn es kann die Motivation anfressen. An Klarheit über die sicherheits- und verteidigungspolitischen Ziele fehle es überdies, heißt es in dem Bericht, ebenso an Information über die geplante Transformation der Bundeswehr. Das darf sich die Führung nicht allzu lange erlauben, weshalb der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD) die Fertigstellung des lang erwarteten Weißbuchs der Bundeswehr forderte: „Die Soldatinnen und Soldaten warten darauf.“

Dann aber kam es wirklich, besser gesagt: der Entwurf aus dem Hause Jung. Seither steht zu befürchten, dass die politische Führung sich über die Einsatzzwecke und –prinzipien nicht einig wird, während die von ihr ins Gelände geschickten Soldaten sich fragen, wofür genau sie den Kopf hinhalten. Der Entwurf des Weißbuchs stieß innerhalb der Koalition auf erheblichen Widerstand , und es wird bereits gemunkelt, dass seine Endfassung nicht wie geplant im Sommer, sondern wohl erst im späten Herbst veröffentlichungsreif sein dürfte. Dem Stil der Koalition, wie mit inneren Widersprüchen umgegangen wird, würde das leider entsprechen. So sieht es also mittlerweile mit dem Primat der Politik aus: Einsätze, die bis zu Kampfhandlungen gehen – und im politischen Überbau marmelt sich die Maschinerie fest.