Wer ein Problem lösen will, muss herausfinden, wie es entstanden ist. Und wo. Das gilt insbesondere für neue Krankheitserreger, die den Menschen bedrohen oder ihn schon erobert haben. Seit eine französische Forschergruppe um den Virologen Luc Montaigner vor 23 Jahren das HI-Virus entdeckte, suchen Wissenschaftler entsprechend unermüdlich nach der Quelle dieses weltumspannenden Übels. Jetzt scheint sie endgültig gefunden: In der aktuellen Ausgabe des Magazins Science legt ein internationales Team eine schlüssige Beweiskette vor, die bei wilden Schimpansen im südlichen Kamerun endet.

Es hat kaum einen Erreger gegeben, um dessen Entstehung sich mehr Mythen ranken, als um die des Human Immunodeficiency Virus, kurz HIV. Die größtenteils konspirativen Theorien reichen von amerikanischen Biowaffenlabors, die ein menschengemachtes Teufelsvirus wahlweise an schwulen Häftlingen oder hilflosen Afrikanern testeten, bis hin zum etwas schlichteren Bild von einer Strafe Gottes. Zumindest wissenschaftlich nachvollziehbar war die Impfhypothese: Ein Polioimpfstoff, auf krankem Affengewebe gezüchtet und Kongolesen injiziert, sollte das Virus vom Tier auf den Menschen übertragen haben. Inzwischen ist glücklicherweise klar, dass diese gruselige Geschichte ihrerseits nicht stimmt.

Aber was stimmt, wo kam er her, der Aids-Erreger? Die Suche nach der wahren Quelle von HIV gestaltete sich von Beginn an als schwierig, schon, weil es "das HI-Virus" gar nicht gibt. Es gibt zwei Typen, HIV-1 und HIV-2. Nur Typ 1 ist es gelungen, sich so außerordentlich erfolgreich unter den Menschen auszubreiten, und Typ-1-Viren lassen sich nochmal in drei Gruppen mit vielen weiteren Subtypen unterteilen. Alle HI-Viren sind natürlich miteinander verwandt - aber stammen sie auch alle von einem einzigen Erreger ab, der einst vom Tier auf den Menschen sprang? Oder fand der Sprung mehrmals statt, von verschiedenen Tieren mit verschiedenen Varianten des ursprünglichen Erregers?

Bereits 1985 entdeckten Forscher des Primatenzentrums in Harvard in vier Rhesusaffen ein Virus, das später den Namen SIV (für simian immunodeficiency virus) erhielt. Die Affen waren sehr krank. Ihre Symptome ähnelten der Aids-Erkrankung von Menschen in erstaunlicher Weise. Das Krankheitsbild war zuvor auch schon an anderen Affen beobachtet worden und die Wissenschaftler zeigten nun, dass tatsächlich das neue Virus für die Immunschwäche der Rhesusaffen verantwortlich war. Doch wie sich herausstellen sollte, gab es keine direkte Verbindung zwischen diesem Erreger und HIV-1. Man war einem Verwandten des weniger erfolgreichen Typs 2 auf die Spur gekommen.

Erst Jahre später fand man ein SI-Virus in Schimpansen, das dem gefährlicheren Typ 1 genetisch entsprach. Seither gilt als wahrscheinlich, dass diese engen Verwandten des Menschen auch die Quelle der menschlichen Virusvariante HIV-1 sind. Doch in freier Wildbahn erwies sich die Suche nach infizierten Affen als schwierig, die Lebensgemeinschaften der Tiere sind für Beobachtungen - geschweige denn Untersuchungen - schwer zugänglich. Zudem zeigte auch das Aidsvirus der Schimpansen eine erstaunliche Vielfalt. Schnell wurde klar, dass man zunächst die Entstehung des Schimpansenvirus würde verstehen müssen, um die Genese des Menschenkillers HIV zu begreifen.

Die Medizinerin Beatrice Hahn und ein mittlerweile eingespieltes Team internationaler Virologen haben dieses Ziel Schritt für Schritt verfolgt, allen Widrigkeiten zum Trotz. Sie entwickelten verlässliche Tests, um das Immunschwächevirus in den gut zugänglichen Kotspuren der Tiere nachzuweisen. Die Forscher verfolgten über Jahre zahlreiche Affenherden durch den zentralafrikanischen Urwald, analysierten und katalogisierten Tausende Proben und deckten mit modernen genetischen Methoden die Verwandtschaftsbeziehungen der gefundenen Viren auf.