Eine Bushaltestelle in Bremen, Morgennebel. Irgendwo hier sollte die Uni sein. Als ich mich umschaute, sah ich nichts außer eben dieser Bushaltestelle, einer Fernverkehrsstraße und ein paar Bäumen. Weiblicher Orientierungssinn hat bekanntlich nicht den allerbesten Ruf, doch mein Instinkt ließ mich nicht allein. Ich hatte schließlich Bedeutendes vor: Am heutigen Informationstag der Bremer Universität für Studieninteressierte (ISI) wollte ich mir meiner Studienwahl sicher werden. Dazu musste ich mich allerdings erst bis zum Ausgangspunkt der Veranstaltung durchschlagen, wo mich Infostände, freundliche Berater und ein Lageplan erwarten sollten. Kein leichtes Unterfangen, da meine Safari durch den Campus-Dschungel scheinbar an irgendeinem Hintereingang begann. Im Nachhinein betrachtet, ein Sinnbild für meine Suche nach der richtigen Zukunft:

Am Anfang war die Baustelle. Was will ich eigentlich studieren? Gut, also diese Frage konnte ich seit einigen Monaten schlagfertig mit „Politikwissenschaft“ beantworten. Das erkläre ich mir folgendermaßen: Unser Unterbewusstsein heftet im Laufe unseres Lebens unbemerkt bestimmte Gefühle, Assoziationen an einen Begriff. Kurz und laienhaft gesagt (sonst müsste ich Psychologie studieren): Dachte ich an diesen Studiengang, schwangen für mich so große Worte wie Weltfrieden, Krieg und Gerechtigkeit mit. Ich war also tief bewegt und glaubte, die Welt verbessern zu können, wenn ich nur Politologie studieren würde. Die rosarote Brille hatte ich mittlerweile abgesetzt und mich genauer mit dem Fach beschäftigt. Nun besser im Bilde, stand mein Studienwunsch immer noch fest.

Und wo gedachte ich, die angeblich aufregendsten Jahre meines Lebens zuzubringen? In Bremen vielleicht, deswegen war ich hier. Laut CHE Hochschulranking im ZEIT Studienführer gehört das Bremer Institut für Politologie zu einem der drei besten in Deutschland. Hohe Forschungsgelder, neun Professuren, enges Verhältnis zwischen Lehrenden und zufriedenen Studenten, gute Bibliothekausstattung, zusammengefasst in fünf grünen Punkten. Da darf man schon mal neugierig werden.

Mein Plan also: Ich finde heraus, ob mir die Uni zusagt, höre mir die Infoveranstaltung zur Politologie an und setze mich dann in eine Vorlesung, um zu testen, ob ich es wirklich so erstrebenswert finde, dieses Fach bis in die Tiefe zu ergründen. Mein Plan ging auf. Meine Vorstellungen vom Fach und seinen Inhalten wurden bestätigt. Die Zulassungsvoraussetzungen kein Problem. Ein kurzes Gespräch mit einem Professor, in dem ich ihn nach der Arbeitsmarktlage für Politikwissenschaftler frage, beseitigte letzte Zweifel: „Wenn Sie genügend eigenes Engagement mitbringen, finden Sie in der Regel ihren Platz. Es gibt viele Möglichkeiten.“ "Sie haben mich glücklich gemacht" teilte ich ihm schmunzelnd mit. Zugegeben: Klingt romantisch, war aber ernst gemeint, denn es war ein erleichterndes Gefühl, sich endlich entschieden zu haben. Wäre ich nach dieser kurzen Infostunde am Vormittag nach hause gefahren, wüsste ich jetzt, dass ich ab Oktober öfter an besagter Bushaltestelle in der Bremer Pampa aussteigen würde, um mir Vorlesungen zum Staatsaufbau der BRD, zu Verfassungsrecht und den transatlantischen Beziehungen anzuhören.

Der Haken: Ich blieb bis nachmittags, um zu sehen, wie standfest mein Entschluss gegen eine reguläre Vorlesung zu Global Governance war. Der Entschluss schwankte. Eine Studentin hielt anfangs ein Referat über Multilateralismus und das latent unilaterale Handeln der USA. An sich sehr interessant, aber angesichts der begrifflich abstrakten Abhandlung hätte ich mir eine euphorischere Intonation gewünscht. Dass ich kurz einnickte mochte meiner Müdigkeit zuzuschreiben sein, schließlich war ich früh angereist. Aber, dass ich nur ungern wieder aufwachte, gab mir schon zu denken. Auch, als die Studenten engagiert darüber debattierten, wie Unilateralismus genau zu definieren sei, fühlte ich mich nicht sonderlich euphorisiert. Zwar fand ich es erstaunlich, wie tief und vielseitig ein einziger Begriff diskutiert werden kann, aber erstrebenswert für ein dreijähriges Bachelor- Studium kam mir eine so theoretische Herangehensweise nicht vor. Ich hatte das Gefühl, diese Wissenschaft spielt sich fernab der Realität auf einem Elfenbeinturm ab, jongliert mit Definitionen und Theorien und kommt nicht zu dem Punkt, mit ihren Erkenntnissen auf irgendeine Weise die Welt zu verbessern. So praxisfern wollte ich nicht studieren.

Vielleicht musste ich meine Zukunftspläne doch noch mal überdenken? Oder hatte ich einfach die falsche Veranstaltung besucht und einen verzerrten Eindruck bekommen? Um nicht aufzugeben, immerhin hatte ich mich lange und ausgiebig mit diesem Studiengang beschäftigt, kaufte ich mir wenige Minuten später einen "Grundkurs Politologie", den ich seitdem tapfer lese, um mich zu kurieren und vielleicht doch wieder überzeugen zu lassen.

Mein Fazit als ich wieder die Baustelle durchquerte: Eine Orientierungsveranstaltung kann auch wieder orientierungslos machen.