Synopsis:
Bei einer Busreise durch die marokkanische Wüste wird eine Amerikanerin (Kate Blanchett) von einer Kugel schwer verletzt. Ihr Mann (Brad Pitt) sucht verzweifelt nach Hilfe. Der Schütze ist kein Terrorist, wie von der Polizei und den amerikanischen Behörden vermutet, sondern ein marokkanischer Hirtenjunge. Das Gewehr stammt ursprünglich von einem japanischen Geschäftsmann und Großwildjäger, der in Tokio nach dem Freitod seiner Frau allein mit seiner taubstummen, heranwachsenden Tochter lebt. Währenddessen nimmt die mexikanische Haushälterin des amerikanischen Ehepaars verbotenerweise ihre beiden Kinder zur in Mexiko stattfindenden Hochzeit ihres Sohnes mit.

Kritik:
Immer schon hat sich Alejandro Gonzáles Iñárritu in seinen Filmen ( Amores Perros , 21 Grams ) für Zufallsbegegnungen und parallel stattfindende Ereignisse interessiert. In den Episodengeschichten Amores Perros und 21 Grams spielt sich das Leben als zeitlich zersplitterte Abfolge von Fragmenten ab, nicht als chronologische, lineare Erzählhandlung. Doch die scheinbaren Zufälle sind bei Iñárritu immer auch schicksalhafte Aufeinandertreffen, als habe eine göttliche Vorhersehung dafür gesorgt, dass sich das vorbestimmte Schicksal der Menschen endlich voller Melodramatik und Emotion entfalten kann. Zufall und Schicksal – die beiden grundverschiedenen, antagonistischen Auffassungen vom (nicht-)Sinn des Lebens – der virtuose Hexenmeister des Kinos Iñárritu vermag sie alchimistisch zu verschmelzen.

Vom Glauben an göttliche Fügungen bzw. an die Strafe Gottes beseelt ist auch sein neuer Film Babel . Iñárritu hat mit seinen wie gewohnt raffiniert ineinander geschachtelten, diesmal auf drei Kontinenten spielenden Episodengeschichten die gesamte, aus dem Paradies vertriebene Menschheit im Visier, als verlängertes Sprachrohr Gottes sozusagen, um unsere Kommunikationsunfähigkeit und ihre Ursachen unter die Lupe zu nehmen. Diese ist nicht allein durch sprachliche und kulturelle Barrieren zu erklären, wie Iñárritu deutlich macht. Manchmal ist der Draht zwischen einem amerikanischen Touristen und einem marokanischen Reiseführer kürzer als der zu den eigenen Landsleuten, ist die Begegnung eines verzweifelten japanischen Teenagers mit einem Fremden herzerwärmender als das Verhältnis zum eigenen Vater. Das an sich aber ist eine nicht unbedingt revolutionär neue Erkenntnis.

Trotz des monumentalen Titels und seines ambitionierten Anliegens ist Babel dennoch kein größenwahnsinniger Film geworden. Iñárritus Episoden sind wesentlich intimistischer als in seinen ersten beiden Filmen. Die Aufmerksamkeit des Regisseurs richtet sich auf die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit seiner Figuren, wie sie in einer psychologischen Ausnahmesituation hinter dem verinnerlichten sozialen Code und seinen erlernten Kommunikationsregeln zum Vorschein kommt. Diese an sich löbliche Konzentration auf das Wesentliche wird nur dadurch unterminiert, dass Iñárritu bei der Zeichnung einiger seiner Figuren die letzte Stringenz vermissen lässt, psychologisch teilweise disparates Verhalten Ausgangspunkt einer dramatischen Kettenreaktion bildet. Warum eine mexikanische Haushälterin ihre ganze Existenz und die Sicherheit der ihr anvertrauten Kinder aufs Spiel setzt, über die sie später sagen wird, sie seien wie ihre eigenen, um an der Hochzeit ihres Sohnes teilzunehmen, dazu bleibt uns der Regisseur ebenso eine Antwort schuldig wie über die Frage, warum ein als fürsorglich gezeichneter marokkanischer Hirte seine Kinder ohne Vorsichtsmaßnahmen mit einer tödlichen Waffe spielen lässt. Doch Iñárritu scheint solche Risiken bewusst in Kauf zu nehmen, wie ein Geschichteningenieur, der mehr als den technischen Details seiner Erzählkonstruktion, als an dem dafür benötigten Personal interessiert ist.
Sterne: **