Meine Mutter behauptet, dass ich schon gesungen habe, bevor mir das erste Wort über die Lippen kam. Tondokumente gibt es allerdings keine, und meine älteren Brüder erinnern sich nicht, dass in unserem Haus überhaupt jemals gesungen wurde. Skeptisch macht mich zudem, dass Mutter gerne erzählt, ich sei Sängerin. Das mag glamourös klingen, nur stimmen tut es schon lange nicht mehr. Als 14-Jährige sang ich zuletzt in meiner Schülerband, den Somersaults. Danach wechselte ich zum Schlagzeug.

Das Trommeln lernte ich aus dritter Hand: Der Bruder meiner besten Freundin Steffi hatte ein Schlagzeug im Keller stehen. Zwischen Hausaufgaben und Bravo- Lesen zeigte mir Steffi, was sie sich bei ihrem Bruder abgeguckt hatte: Meist waren es frickelige Trockenübungen, zu denen ich keine große Lust hatte. Aber sie reichten doch als Grundlage, um zu Lieblingssongs wie She Bangs The Drums von den Stone Roses über Walkman zu spielen.

Die erste Band, in der ich als Teenager trommelte, hieß The Legendary Bang. Wir veröffentlichten zwei Singles in Kleinstauflage, die der große John Peel in seinen Radiosendungen würdigte und die inzwischen bei e-Bay beachtliche Sammlerpreise erzielen. Ich habe noch immer eine Box voller Singles im Schrank stehen und hoffe, dass meine Altersvorsorge damit gesichert ist. Vor wenigen Monaten bekam ich ein Video überreicht, das ein japanischer Fan zu einem der Bang-Songs gedreht hat. Darin sieht man lauter fröhliche Menschen Luftgitarre spielen. Und für drei Sekunden taucht das Gesicht von Oliver Kahn auf.

Mit der zweiten Band, Die Fünf Freunde, war aus dem Hobby eine halbwegs ernste Angelegenheit geworden. Ob im schwäbischen Schweinestall oder auf einem Dreimaster vor Helgoland: Wir spielten überall, wo man uns hören wollte. Nur Playbackshows verweigerten wir, was uns den Plattenvertrag mit einer großen Firma gekostet hat. Mit etwas Glück findet man die CDs der Band heute bei Karstadt auf dem Grabbeltisch - oder muss auch hier ein Vielfaches bei e-Bay berappen.

Mein Job als Schlagzeugerin der Fünf Freunde war anstrengend, denn ich musste haufenweise schweres Equipment schleppen und aufbauen. Manchmal kippte ich vor Erschöpfung am Ende eines Auftritts vom Hocker. Angenehm war es aber, mich hinter all den Trommeln und Becken verstecken zu können, denn im Rampenlicht wollte ich lieber nicht stehen. Als es sich doch einmal für ein paar Stücke ergab, erwies sich eine schicke Verkleidung als hilfreich. Allerdings vergaß ich auf der Heimfahrt nach dem Konzert, die Ulrike-Meinhoff-Perücke abzulegen und geriet bei einer Verkehrskontrolle in Erklärungsnot.

Meiner nächsten Band, The Incredible Sinalco Bums, gelang es, Arbeit mit Urlaub zu verknüpfen. Wir spielten drei Abende lang in einem Davoser Sporthotel und bekamen dafür eine Woche freie Unterkunft, Kost und einen Skipass bezahlt. Im Sommer ging die Tour bis nach Biarritz, wo wir von einem Reiseveranstalter mit Surfkurs und Bungalow entlohnt wurden. Während einer Show im Zeltlager stürmten ein paar betrunkene Halbwüchsige die Bühne und wickelten mich in Frischhalte-Folie ein. Irgendwie schaffte ich es trotzdem, den Beat zu halten.

Auf Tour zu sein war immer ein Mordsspaß, auch wenn die Bezahlung armselig, die Unterkunft schmierig und die Verpflegung mangelhaft war - ganz zu schweigen von den Wagen, mit denen wir wochenlang unterwegs waren. Doch gerade wenn die Anschnallgurte fehlten und die Bremsbelege abgenutzt waren, schätzten wir uns glücklich, es über den Brenner oder die Kasseler Berge zum nächsten Auftritt geschafft zu haben.