Knapp sechs Wochen nach dem Angriff auf einen Deutsch-Äthiopier in Potsdam hat Generalbundesanwalt Kay Nehm die Ermittlungen an die örtliche Staatsanwaltschaft zurückgegeben. Die Bundesanwaltschaft geht gleichwohl nach wie vor von einer fremdenfeindlich motivierten Tat aus. "Daran ändert sich nichts", sagte am Freitag eine Sprecherin in Karlsruhe. Allerdings entfalle die Zuständigkeit der Bundesanwaltschaft, weil sich der anfängliche Verdacht auf versuchten Mord nicht halten lasse.

Die beiden Beschuldigten seien wegen "einer Reihe von Indizien" nach wie vor verdächtig, am Ostersonntag den 37-jährigen Ingenieur an einer Bushaltestelle niedergeschlagen zu haben. Entgegen der ursprünglichen Verdachtslage sehen die Ermittler nun aber eine zeitliche und räumliche "Zäsur" zwischen den "nachweislich fremdenfeindlichen Äußerungen der Täter gegenüber ihrem späteren Opfer" und dem brutalen Faustschlag. Damit lasse sich ein Tötungsvorsatz nicht mehr beweisen. "Wenn das alles jetzt nicht mehr zusammenfällt, fällt natürlich auch die Fanalwirkung weg und damit die besondere Bedeutung", sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke-Katrin Scheuten.

Die Bundesanwaltschaft ist für fremdenfeindlich motivierte Gewalttaten nur in Fällen von besonderer Bedeutung zuständig, wenn es sich beispielsweise um versuchten oder vollendeten Mord oder Totschlag handelt und die Täter damit ein "Fanal" für mögliche Nachahmer setzen wollen. Bei Körperverletzungsdelikten bleibt das Verfahren dagegen in den Händen der örtlichen Staatsanwaltschaft.

Nach Angaben des Anwaltes des 29-jährigen Verdächtigen hat das spätere Opfer zwei Personen, die an der Haltestelle vorbei kamen, verbal provoziert. Daraus hätten sich gegenseitige Beleidigungen ergeben. "Jetzt ist das Verfahren da, wo es hingehört", sagte Anwalt Veikko Bartel. Die Begründung für die Entscheidung Nehms zeige, dass die Übernahme des Verfahrens durch den Generalbundesanwalt willkürlich gewesen sei.

Die beiden 29 und 30 Jahre alten Verdächtigen waren kurz nach der Tat verhaftet worden. Eine Vernehmung des Opfers blieb ergebnislos - der Ingenieur konnte sich nicht mehr an die Tat erinnern. Daraufhin wurden beide Männer überraschend auf freien Fuß gesetzt. Am Mittwoch wurde der 29-Jährige erneut verhaftet. Er soll vor einem Mithäftling mit der Tat geprahlt haben.

Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) reagierte zurückhaltend auf die Abgabe der Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft. "Wir brauchen die sorgfältige und zugleich zügige Aufklärung in diesem Fall. Dies bleibt der entscheidende Punkt. Unsere Polizei wird zusammen mit der Staatsanwaltschaft weiter mit aller Kraft an der Lösung arbeiten", sagte er in Potsdam. Schönbohm hatte Generalbundesanwalt Nehm unmittelbar nach der Tat vorgeworfen, den Fall vorschnell an sich gezogen zu haben. Das hatte zu einer Kontroverse zwischen Nehm und Schönbohm geführt.