Eine Zahl und hundert Interpretationen: Seit Frank-Jürgen Weise , Chef der Bundesagentur für Arbeit, am Mittwoch verkündete, von April auf Mai sei die Zahl der Arbeitslosen um 225.000 gesunken, eifern Politiker und Kommentatoren um die beste Erklärung, warum das denn so ist.

Die Antworten in der Presse fallen an diesem Donnerstag höchst unterschiedlich aus. Die Süddeutsche Zeitung macht das Wetter verantwortlich ("Der Winter ist vorbei, Baubetriebe und Landwirte beispielsweise stellen wieder mehr Menschen ein."), um dann doch festzustellen, die Hartz-Reformen würden wirken. Die Frankfurter Allgemeine argumentiert dagegen, der unerwartet starke Rückgang der Arbeitslosenzahl lasse sich eben nicht mit der üblichen Frühjahrsbelebung erklären, sondern - eventuell - mit der günstigeren Konjunkturlage. Und lässt schließlich die Hoffung auf wirkliche Besserung fahren: "Solange Hartz IV dazu beiträgt, das Lohngefüge zu verzerren und die Sozialausgaben in die Höhe zu treiben, muss man fürchten, dass die guten Nachrichten vom Arbeitsmarkt keinen Bestand haben."

So kann sich jeder das heraussuchen, was in seine Weltsicht passt. Die ehrlichste Antwort hat das Handelsblatt : "Für die überfälligen Reformaufgaben auf dem Arbeitsmarkt ist es ganz unerheblich, inwieweit sich die jüngste Abnahme (...) mit saisonalen, statistischen oder konjunkturellen Faktoren erklären lässt." Wichtiger sei, wie die Bundesregierung nun handelt. "Zu oft sind Regierungen bereits der Illusion gefolgt, der jeweils nächste Aufschwung werde auch die strukturellen Beschäftigungsprobleme schon lösen." Tatsächlich braucht es weitere Arbeitsmarktreformen. Sie müssen über die klägliche Debatte hinausgehen, die an diesem Donnerstag im Parlament geführt wird, wenn die Abgeordneten dort das Hartz-IV-Fortentwicklungsgesetz beraten .

Eine andere wichtige Zahl, von Weise ebenfalls präsentiert, sagt noch mehr darüber, was sich tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt tut. Schreibt die Allgemeine Zeitung aus Mainz: "Die Zahl der regulären Arbeitsplätze ist im Jahresvergleich um 88.000 auf 25,91 Millionen gesunken." Selbst wenn die Arbeitslosenzahl sinkt, bedeutet das noch lange nicht, dass Arbeitslose wieder sozialversicherungspflichtige Jobs finden. Vielmehr nimmt, auch das keine neue Erkenntnis, die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse stetig zu. Immer mehr Menschen arbeiten für Löhne, die unter dem liegen, was ein Hartz-IV-Empfänger bekommt. Da bekommt die Forderung aus der Union, endlich alle Verweigerer zur Arbeit zu treiben, einen besonders schalen Beigeschmack.

Es bleibt die alte Frage: Was tun, damit der positive Trend anhält? Gegen die Krise hilft nur eines: Wachstum. Den haben in den vergangenen Monaten nicht die Koalitionäre herbeigeführt, sondern Bürger und Unternehmer. Indem sie die Arbeitsverhältnisse selbst flexibilisierten und "ihre Abläufe modernisiert, neue Produkte und Konzepte entwickelt" haben, wie die Hannoversche Allgemeine schreibt. Der Aufschwung ist längst da. Nur ist er nicht belastbar. Umso mehr Fingerspitzengefühl sollten die Koalitionäre zeigen, wenn sie über Steuererhöhungen oder Arbeitsmarktreformen diskutieren.