Als der Untersuchungsausschuss zur BND-Affäre vor etwa zwei Monaten eingesetzt wurde, schien dies eher der Profilierungssucht der Opposition als einem echten Aufklärungsbedürfnis geschuldet. Allen voran die Regierungsparteien erklärten lauthals, durch den Regierungsbericht und die Arbeit des Parlamentarischen Kontrollgremiums seien das Verhalten von BND-Mitarbeitern in Bagdad, die mögliche Entführung des Deutsch-Libanesen Khaled El-Masri durch die CIA, oder die Verhöre in ausländischen Foltergefängnissen umfassend erhellt worden. Ein Untersuchungsausschuss werde nichts Neues zu Tage fördern, sondern nur durch endlose Zeugenvernehmungen ermüden. Doch auch der Opposition selbst schien in Sachen Untersuchungsausschuss die rechte Begeisterung zu fehlen. Eher pflichtgemäß und weil man eben nicht mehr zurückkonnte, nahm man die Arbeit auf.

Doch nun hat sich weit früher gezeigt, als im Entferntesten anzunehmen war, wie wichtig die Einsetzung des Ausschusses war. Noch ist die Aufregung über die Spitzel-Affäre nicht verklungen, schon hat der krisengeschüttelte BND seinen nächsten Skandal. Wie der Dienst am Donnerstag selber einräumte, wusste ein Mitarbeiter von der Verhaftung Khaled El-Masris schon während diese im Gange war, also im Januar 2004. Bislang war dagegen stets davon ausgegangen worden – und so steht es auch in dem angeblich so vollständigen Regierungsbericht – dass die Regierung und auch der Geheimdienst erst im Mai 2004 von der Entführung erfahren hätten, zu einem Zeitpunkt also, als El-Masri bereits wieder nach Deutschland zurückgekehrt war.

Sicher ist jedenfalls, ohne den Untersuchungsausschuss hätte der Mitarbeiter die Information, die er in einer Kantine im mazedonischen Skopje erhielt, wohl für immer "in seinem Herzen eingeschlossen", wie der Grünen-Abgeordnete Hans Christian Ströbele spottete. Erst die Anfrage des Untersuchungsausschusses nach Zeugen zum Fall El-Masri hat sein Gedächtnis offenbar in Gang gesetzt. Warum die monatelange Debatte über dieses Thema dagegen nicht in der Lage war, die Erinnerung des BND-Mitarbeiters zu beflügeln, wird wohl sein Geheimnis bleiben.

Für das Image des BND, das ja in den vergangenen Wochen ohnehin bereits erheblich ramponiert worden ist, ist der jetzige Fall ein weiterer herber Schlag. In der Öffentlichkeit entsteht wohl zu Recht der Eindruck, dass niemand genau weiß, was die Geheimen so treiben. Trotz aller Bekenntnisse zu größtmöglicher Transparenz ist es in letzter Zeit gleich mehrfach passiert, dass die Wahrheit nur äußerst scheibchenweise und nur unter massivem Druck von Außen ans Licht kam. Auch in der Frage, was BND-Mitarbeiter in Bagdad machten, hatte es schließlich erst geheißen, es seien keine militärischen Koordinaten weitergegeben worden. Wenig später musste eingeräumt werden, dass das eben doch der Fall war. Nun scheint sich dieses Muster zu wiederholen.

Die neuen Details zum Verschwinden El-Masris lassen den Geheimdienst jedoch in jedem Fall alt aussehen, egal ob die jetzt bekannt gewordene Version richtig ist, oder ob sich in einigen Wochen herausstellen sollte, dass alles doch noch ein wenig anders war. Wenn der Mitarbeiter tatsächlich die Information, dass ein deutscher Staatsbürger in Mazedonien verhaftet und den Amerikanern übergeben worden sei, nicht als relevant einstufte und sie deswegen nicht weitergab – wie jetzt behauptet wird - wirft das nicht das beste Licht auf die Qualifikation der BNDler. Gab er sie dagegen weiter, doch sie versandete auf mittlerer Ebene oder aber höhere Stellen hätten die Regierung nicht informiert, würde dies den Verdacht verstärken, dass der Geheimdienst nicht wirklich unter Kontrolle ist und seine eigene Politik macht. Für den jetzigen Innenstaatssekretär August Hanning, damals BND-Präsident, und seinen Nachfolger Ernst Uhrlau, damals Geheimdienst-Koordinator im Kanzleramt, könnte es dann endgültig eng werden. Egal aber, auf welcher Ebene der Fehler passierte, der BND wird mit dem Vorwurf leben müssen, dass er die illegale Verschleppung eines deutschen Staatsbürgers hätte verhindern können, wenn alle Mitarbeiter sich korrekt verhalten hätten.