Anfänger der Finanzmarktanalyse lernen, dass schwache Konjunkturdaten gut für die Rentenmärkte, aber schlecht für die Aktienmärkte sind. Vor diesem Hintergrund waren die Marktbewegungen vom Freitag ab 15 Uhr lehrbuchmäßig. Der US-Arbeitsmarktbericht fiel überraschend schwach aus. Deutlich weniger Stellen als erwartet sind im Mai geschaffen worden. Und die Marktreaktion? Aktien runter, Renten hoch - ganz wie gelernt.

Vor 15 Uhr aber half das Lehrbuch nicht weiter, denn da verhielt sich alles genau umgekehrt. Seit die Fed bekannt gab, in Zukunft zur Beurteilung der weiteren geldpolitischen Maßnahmen verstärkt auf die Konjunkturdaten zu achten, reagierten die Aktienmärkte bei jeder halbwegs schlechten Zahl erleichtert. Ihre Gleichung: Schwache Konjunkturdaten gleich weniger Inflationsdruck gleich eine geringere Notwendigkeit für die Fed, die Zinsen zu erhöhen, gleich weniger Bremswirkung für die Wirtschaftsaktivitäten. Hinweise auf eine Konjunkturabkühlung wurden am Aktienmarkt in der Korrekturbewegung der letzten Wochen also als kursstützend wahrgenommen. Nicht gerade die lehrbuchmäßige Vorgehensweise, aber allgemein akzeptiert.

Auch die Rentenmärkte brauchten ihre Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Die neu aufkommende Inflationsfurcht war erst einmal schlecht für die Aktien, und eigentlich auch schlecht für die Rentenmärkte. Aber was passierte? Die Renten konnten profitieren. Auslöser war die scharfe Aktienmarktbewegung, die zu einer Flucht in die vermeintliche Sicherheit von Rentenpapieren führte. Dann aber begannen die Anleger an den Rentenmärkten, als erste umzudenken. Als zwischenzeitlich die ersten Konjunkturdaten schlechter als erwartet ausfielen, erinnerten sie sich der Zusammenhänge aus dem Lehrbuch: Schwache Konjunktur gleich gute Rentenmärkte.

Und am Freitag? Die Aktienmärkte freuten sich für ungefähr eine halbe Stunde über die schwachen Konjunkturdaten, die ja die Wahrscheinlichkeit eines Zinsschritts der Fed im Juni verringerten. Doch plötzlich änderte sich die Stimmung. Nun wurden die schwachen Daten nicht mehr begrüßt sondern verflucht. Schwache Daten hießen nun nicht mehr "kein Zinsschritt", sondern "weniger Unternehmensgewinne". Und das ist nun mal schlecht für die Aktien.

Dies alles mag verwirrend erscheinen, und es ist es auch. Aber so sind nun einmal die Finanzmärkte. Sie suchen die Story, die gerade zu spielen ist. Mal sind gute Konjunkturdaten gut, dann wieder schlecht für die Aktienkurse. Mal werden sie positiv und mal negativ gesehen. Die Bewegung von Freitag dürfte dabei ein Wendepunkt gewesen sein.

Noch bis zu den vielbeachteten Einkaufsmanagerindizes, die am Donnerstag veröffentlicht wurden, schien das Konjunkturbild intakt. Die Daten ließen auf eine positive konjunkturelle Lage schließen, nichts deutete auf einen Einbruch hin. Die Reaktion auf die Veröffentlichung der Arbeitsmarktdaten lässt nun aber einen anderen Schluss zu. Die Märkte werden in den kommenden Tagen und Wochen verstärkt nach Hinweisen suchen, wie gefestigt die Lage noch ist. Wahrscheinlich wird dabei auch wieder verstärkt der hohe Ölpreis als Alibi herhalten müssen.