Der Glanz des Börsenneulings ist nicht ungebrochen: Korruptionsskandale erschütterten die Bank of China. Ihr Umfeld besteht aus einem Berg fauler Kredite im chinesischen Bankensektor, einer gewaltigen Immobilienblase und - angesichts der jüngsten Kursverluste in den Schwellenländern - der Sorge vor einem Ende des Börsenbooms. Ihr früherer Vorsitzender Wang Xuebing wurde überdies wegen Bestechlichkeit zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Andere Manager sitzen unter Betrugsverdacht ebenfalls in Haft. Über einen Ex-Vizepräsidententen wurde wegen Unterschlagung sogar das Todesurteil gesprochen, das allerdings in lebenslange Haft umgewandelt werden dürfte.

Doch die Anleger blieben unbeeindruckt. Sie bescherten der Bank an diesem Donnerstag in Hongkong den weltweit größten Börsengang seit sechs Jahren, den bislang größten Börsengang eines chinesischen Unternehmens überhaupt und darüber hinaus gleich am ersten Handelstag Kurssteigerungen von mehr als 15 Prozent - und das in einem Markt, der, gemessen am örtlichen Hang-Seng-Index, mit Verlusten abschloss. Damit übertraf die Bank alle Erwartungen der Finanzwelt. Nun wird sogar darüber spekuliert, dass sie Ende Juni in Festland-China an die Börse gehen wird. Bislang war das nicht möglich.

Da sich China wirtschaftlich immer weiter für die Außenwelt öffnet, muss die bislang staatliche Bank sich für den internationalen Wettbewerb rüsten. Die dazu nötigen Mittel soll ihr der Börsengang verschaffen: 9,7 Milliarden Dollar erlöste sie durch die Ausgabe von 10,5 Prozent ihrer Anteile - Geld, mit dem sie nun ihre Kapitaldecke stärken und ihr Geschäft weiter ausbauen möchte.

Ohnehin ist die Position der Bank of China vergleichsweise günstig. Heute schon gilt sie als die am stärksten international ausgerichtete Bank unter den vier chinesischen Staatsbanken. Auf modernen Geschäftsfeldern wie der Vergabe von Autokrediten oder Kreditkarten ist sie Marktführerin. Der Anteil der faulen Kredite an ihren Außenständen soll durch eine Finanzspritze der Regierung in Höhe von 22,5 Milliarden Dollar deutlich gefallen sein und gegenwärtig nur noch gut vier Prozent betragen.

Damit überzeugte sie beim Börsendebüt rund eine Million Kleinanleger ebenso wie institutionelle Investoren aus dem Ausland. Schon zu Beginn der Zeichnungsfrist, vor zehn Tagen, bildeten sich vor den Hongkonger Filialen der Bank meterlange Schlangen, in denen die privaten Anleger auf ihre Orderpapiere warteten. Viele trugen die Antragsformulare gleich paketweise davon, um Aktien für die ganze Familie zu bestellen.

Medienberichten zufolge hat das Spekulieren mit Aktien in Hongkong eine ähnlich lange Tradition wie Pferdewetten. Seit einige Unternehmen aus der Volksrepublik erfolgreich an der Börse debütierten, sind Aktien aus Rotchina besonders beliebt. Tragen sie zudem einen bekannten Namen wie Bank of China, sind die Anleger offenbar kaum zu bremsen.

Analysten hatten damit gerechnet, dass viele  Kleinanleger den Tag des Börsengangs nutzen würden, um ihre Papiere direkt wieder zu verkaufen und auf diese Weise Kasse zu machen. Der Kurssprung belehrte sie eines Besseren. Fondsmanager sprachen von einer "ziemlich erfreulichen Überraschung".