Der erste Ball – die Straße endet nun

Ruacana, an der namibisch-angolanischen Grenze – „Was wollen Sie mit den vielen Bällen?“ Der Zöllner will der Sache nicht trauen. Glasige Augen blicken argwöhnisch über den Schreibtisch, das rechte scheint führerlos in seinem Schädel umherzurollen. „Was wollen Sie in Angola? Für wen sind die Bälle?“ Der Grenzbeamte überlegt einen Moment, mustert die Pässe genauer. „Ach, Sie kommen aus Deutschland! Sie möchten Fußball spielen!“ Der finstere Blick klart auf. „Alemanha!“, schreit er. Eine hochprozentige Fahne weht herüber. Natürlich werde auch er im Juni zur Weltmeisterschaft kommen. Nein, Karten habe er noch keine, aber das sei ja alles gar kein Problem. Und wenn er der Trainer wäre, würde er elf Verteidiger direkt vor das Tor stellen, nur so hätte das angolanische Team eine echte Chance. „Der Torschützenkönig der WM wird aber wohl trotzdem ein Spieler einer unserer Vorrundengegner sein.“ Er lacht laut über seinen Witz, schlägt sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel.

Der zweite Ball – bleibe immer auf den Wegen

Oncocua – Verlasse niemals die Wege!, lautet die oberste Regel des Lebens. Eltern bläuen sie Morgen für Morgen ihren Kindern ein. Spiele immer auf den Wegen! Geschwister reden sich gegenseitig ins Gewissen. Freunde warnen einander. Und im ganzen Land rufen Plakatwände das erste angolanische Gebot in Erinnerung: „Nunca sai da estrada“ – gehe nie von der Straße! Doch als João eines Abends vor vier Jahren auf dem Heimweg war, vergaß er den Satz, den er jahrelang gehört hatte. „Ich wollte nur einmal eine Abkürzung nehmen. Nur ein einziges Mal.“ Er blieb nicht auf dem Weg. Er wich nur zwei oder drei Meter von ihm ab. Er war acht, als die Mine sein rechtes Bein zerfetzte.

João ist ein Kind des Krieges. Sein Vater wurde getötet. Da war er sechs. Seine Mutter ist irgendwo da, wo er nicht ist. Manchmal schlagen seine Erinnerungen ein wie Blitze. Dann weicht sein Lachen für einige Sekunden aus seinem Gesicht, das dann aussieht, als ob er schon ein ganzes Leben hinter sich hätte. Er trägt ein zerschlissenes Trikot des FC Porto und einen durchlöcherten Schuh, der ihm viel zu groß ist. Er ist ein guter Kicker. Trotz seines Handicaps. Aber heute ist er traurig. Denn er hat einen „schlechten Fuߓ, wie er sagt. Tags zuvor hatte er sich einen Splitter hineingetreten. Nun liegen seine Krücken neben ihm. Mit anderen sitzt er am Rand des Bolzplatzes und spielt mit verblichenen Karten, die Fußballstars aus fremden Welten zeigen – darunter auch zwei Deutsche: Lothar Matthäus als Pik Sechs und Oliver Kahn als Karo Sieben.

Der dritte Ball – die Krankheit ohne Namen

Cahama – Inmitten der kreischenden und tanzenden Zuschauer sitzt ein Mann. Er schreibt. Er stoppt die Zeit, sagt die nächsten Spiele an. Er ist die Turnierleitung. Vor allem schreibt er aber: „Ein wirklich gutes Spiel, viele Torszenen, sehr spannend …“ Oder: „Ein Team hatte großes Pech, traf oft den Pfosten, viele Tricks, ein faires Spiel …“ Er führt eine Strichliste über die Tore der Mannschaft. Die Ergebnisse notiert er nicht. Er fragt: „Ist es denn wichtig, wer gewinnt?“

Die Landminen sind längst nicht mehr die größte Bedrohung im angolanischen Alltag. Jahr für Jahr infizieren sich mehr Menschen mit der Seuche, deren Namen viele nicht auszusprechen wagen. „Es ist die Krankheit ohne Namen“, weiß Jochen Ganter von Cap Anamur, „und die Menschen, die Aids haben, schämen sich.“ Die deutsche Hilfsorganisation engagiert sich seit Jahren in Oncocua und Cahama, unter anderem mit Anti-Aids-Kampagnen. Doch das Virus greift um sich. In Angola beginnt der Sex mit zwölf Jahren. Manche Männer haben mehrere Frauen. „Unsere Aufgabe ist die Aufklärung“, so der 29-jährige Freiburger. Ein Fußballturnier sei ein guter Weg, viele Menschen und vor allem Jüngere zu erreichen. Wie an diesem Tag in Cahama, mit seinen 10.000 Menschen einer der zentralen Orte der Provinz Cunene: Sechs Mannschaften sind schon da, zwei weitere stecken noch im Busch fest. 200 Zuschauer auf der Tribüne. Das Turnier beginnt. Wer ein Tor schießt, bekommt Kondome. Das Team, das ein Spiel gewinnt, bekommt Kondome. Die Mannschaft, die das Turnier gewinnt, bekommt einen Ball – und Kondome. Zwischendurch werden Publikum und Kicker über die Krankheit ohne Namen informiert. Präservative werden aus den Verpackungen gefingert und über eine hölzerne Penisattrappe gezogen. Verschämtes Gelächter. Am Ende werden aber doch viele Kondome in die meisten Hosentaschen wandern.