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Wer je den Kaffee kostete, den Alán Garcia in seinem Hause selbst einzuschenken pflegt, mehrte die Legende vom unwiderstehlichen Charme des Gastgebers. Wer ihn vor Tausenden verzückter Zuhörer reden sah, dem blieben die Kaskaden seiner rhetorischen Einfälle, die Begeisterung der Massen für diesen begnadeten politischen Entertainer fast rauschhaft in Erinnerung. Freude in Lima: Alan Garcia wurde mit 55,45 Prozent der Stimmen als Präsident gewählt BILD

Wer aber in Peru lebte, als der damals 35-jährige Charismatiker 1985 zum jüngsten Staatspräsidenten in Lateinamerika gewählt wurde, konnte auch die folgenden fünf Jahre seiner Amtszeit nicht vergessen. Die Andenrepublik versank in Chaos, Korruption und Klientelismus. Zehntausende verloren ihr Leben im erbarmungslosen Duell zwischen den maoistischen Revoluzzern des Leuchtenden Pfades und den ebenso terrorisierenden Militäreinheiten.

Noch mehr Menschen – die Ärmsten voran – verloren ihr Erspartes, als die Inflationsrate bis auf 7600 Prozent hochschoss und der drohende Staatsbankrott Perus auch die Nachbarländer in Gefahr brachte. Nach seiner Abwahl 1990 floh Garcia vor den Ermittlungen wegen illegaler Bereicherung, erst nach Kolumbien, dann nach Frankreich. Nie würde er zurückkehren, dachten die Opfer seiner Politik damals.

Doch er kam wieder. Vor sieben Jahren nach Peru und an diesem Sonntag ins höchste Staatsamt. Die Mehrheit der Wahlberechtigten unter den 28 Millionen Peruanern vergaß oder verdrängte Garcias Vergangenheit. Mit rund 54,7 Prozent der Stimmen gewann der in allen Farben schillernde Sozialdemokrat die Stichwahl um das Präsidentenamt gegen Ollanta Humala. Der Linkspopulist und Sieger der ersten Wahlrunde erreichte nach der bisherigen Auszählung etwa 45,3 Prozent.

Die Jungwähler erlagen Garcias Suggestionskraft, weil sie sich nicht an seine erste Amtszeit erinnern konnten. Die Armen an den Rändern und Mülldeponien Limas wählten ihn, weil sie Garcias Konterfeis und die Werbekolonnen seiner Partei zwischen den Lehmhütten und Wellblechbaracken am häufigsten sahen; denn die 1930 gegründete Alianza Popular Revolucionara Americana (APRA) ist die einzige funktionstüchtige Partei im Lande.

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Perus Großbürgertum schließlich, zusammen mit den kirchlichen Würdenträgern und den Intellektuellen in den schwer bewachten Villenvierteln der Küstenstädte, verdrängte alle Erinnerungen an Garcias erste Präsidentschaft, weil sie den 43-jährigen Linkspopulisten Humala noch mehr fürchtete. Garcia hatte man immerhin wieder abwählen können. In Humala sah die reiche Oberschicht einen linken Caudillo, dem sie die Abschaffung der vor allem ihr nützlichen Demokratie zutraute.

Der Ex-Oberstleutnant, der aus dem politischen Abseits einer linksnational-rassistischen Familie kam, hatte im Sog des früheren Kokabauern und jetzigen Präsidenten Boliviens, Evo Morales, alle 18 Mitbewerber der ersten Wahlrunde hinter sich gelassen. Die ursprüngliche Favoritin und Kandidatin der Reichen, Lourdes Flores, war von Humalas Erfolgswelle am Ende hinter Garcia auf den dritten Platz verdrängt worden und für die Stichwahl ausgeschieden.

Wie der Indio Morales wollte auch der Mestize Humala die verarmte indigene Bevölkerung stärker an politischen Entscheidungen beteiligen, Bodenschätze verstaatlichen, die von den USA geförderte Vernichtung von Kokafeldern verhindern und sich der vom venezolanischen Präsidenten Chávez angetriebenen „Achse der Guten“ anschließen.

Nicht nur dieses Programm, sondern auch die Großspurigkeit des Volkstribunen Chávez, der sich hemdsärmlig in den peruanischen Wahlkampf einmischte, lieferte Garcia die beste Wahlkampfmunition. Zu Humalas heimlich wachsender Verzweiflung verkündete Chávez, er bete für den Sieg seines Freundes. Garcia nannte er einen „schamlosen Dieb“. Wenn dieser durch ein „Blendwerk des Teufels“ gewählt würde, werde er Venezuelas Botschafters abziehen. Perus scheidender Präsident Alejandro Toledo kam ihm damit zuvor – und so Garcia demonstrativ zu Hilfe. Chávez titulierte Toledo daraufhin als „Laufburschen“ des US-Präsidenten, was Garcias Umfragewerte weiter in die Höhe trieb.

So ist Humalas Niederlage zugleich eine Blamage für Chávez. Seine Hoffnung auf ein regionales Gaskartell Venezuela-Peru-Bolivien muss er zunächst einmal begraben. Und der Linkspopulismus in Lateinamerika, den Europas Politiker und Kommentatoren eben erst im Aufwind sahen, hat einen weiteren Rückschlag erlitten.

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Am vergangenen Sonntag hatte der rechtsgerichtete Autokrat Alvaro Uribe – der ärgste Feind von Hugo Chávez und engste Verbündete von Präsident Bush in den Anden – sein Präsidentenamt in Kolumbien schon im ersten Wahlgang mit überragenden 62,2 Prozent wieder gewonnen. Dem linken Kandidaten Carlos Gaviria blieben nur 22 Prozent der Stimmen. Der unaufhaltsame Aufstieg des Alvaro Uribe, dessen frühe Karriere im Umfeld der einst mächtigen Drogenbarone von Medelin begann, hat zumindest den Großstädten größere Sicherheit gebracht.

Doch in den Provinzen morden linke Guerilla und rechte Paramilitärs weiter, finden Armut und Ungleichheit kein Ende, bleiben Entführungen und Vertreibungen an der Tagesordnung. Obwohl die USA drei Milliarden Dollar für den Kampf gegen Drogenhandel und linke Rebellen zubuttern, urteilt die New York Times: „Kolumbien kapituliert vor der Mafia“.

Wo linke Kandidaten bei den Wahlen in diesem Jahr noch Chancen besitzen, scheint ihnen inzwischen der Zuspruch von Hugo Chávez eher abträglich zu sein – nicht nur in Peru, sondern auch in Mexiko, Nicaragua, Brasilien und Ecuador.

In Mexiko, wo in knapp einem Monat Präsidentenwahlen stattfinden, ist der in den Umfragen lange führende Linkspopulist Andrés Manuel López Obrador – der Arbeitern, Bauern und Indios eine zweite mexikanische Revolution verspricht – inzwischen hinter Felipe Calderón zurückgefallen. Dabei fehlt dem konservativen Präsidentenkandidaten jegliches Charisma. Doch auch ihm half Chávez mit seinen Schimpftiraden.

So bedachte er Vincente Fox, den noch amtierenden Präsidenten des Aztekenlandes, mit wechselnden zoologischen Vergleichen als „schnatternder Vogel, der seinen Schnabel halten sollte“ oder als „Schoßhund“ des US-Imperiums. Woraufhin Calderón seinen eher maßvolllinken Gegenkandidaten López Obrador als „Ziehsohn von Chávez“ abqualifizierte – und bei den Umfragen in Führung ging.

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In Nicaragua, wo der Altlinke und einstige Sandinisten-Chef Daniel Ortega bei den Präsidentenwahlen im November antreten will, lieferte Chávez nicht nur Sprüche, sondern bot einigen von Sandinisten geführten Kommunen auch billiges Öl an. Zur Freude von Ortegas Gegenkandidaten verbat sich Nicaraguas Regierung die Einmischung: „Wir möchten wählen, wen wir selbst als Präsidenten wollen.“

So beliefert Chávez in ungehemmter Geltungssucht seine Feinde mit Munition und seine Freunde mit Rohrkrepierern. Im Bestreben, mit der Macht seiner Öl- und Gasquellen den ganzen Andenraum energiepolitisch zusammenzuschließen und gegen die hegemonialen Interessen der USA zu mobilisieren, hebelt er die beiden leidlich bedeutenden regionalen Bündnisse Lateinamerikas aus. Die in Lima residierende Andengemeinschaft (CAN) hat er verlassen, weil Kolumbien und Peru im Alleingang Freihandelsverträge mit Washington abschlossen. Im Bündnis Mercosur stört ihn, dass sich Uruguay und Paraguay wirtschaftlich stärker nach den Vereinigten Staaten ausrichten.

Der Furor des venezolanischen Präsidenten gegenüber dem Weißen Haus, das vor vier Jahren einen Putschversuch gegen ihn durch die CIA fördern ließ, ist durchaus zu verstehen. Dass er jedoch mit immer plumperen Schritten in die Fußstapfen Fidel Castros zu treten versucht, treibt nur jene sozial engagierten Regierungen auseinander, die nach neuen Wegen zur Bekämpfung des unverminderten Elends suchen.

Die Nutznießer einer derart vertieften Spaltung werden am Ende nur Drogenbosse, Mafia und Maras sein – jene kriminellen Jugendbanden, die vom „linken“ Caracas bis zum „rechten“ Narkostaat Kolumbien, von Mexiko City bis Sao Paulo aus der endlosen Armut hervorbrechen. Aus einer Armut, die durch kein Wachstum und durch keinerlei neoliberale Parolen nach weniger Staat zu besiegen ist – solange die kleinen Oberschichten dieser Länder allen Reichtum für sich abschöpfen.