Mittlerweile können wir 12 Monate lang Erdbeeren essen: Im Herbst und Winter beliefern uns Israel und Ägypten mit den roten Früchten. Manch Erdbeere muss sogar die weite Reise aus Übersee antreten, um dann unter europäischen Weihnachtsbäumen verspeist zu werden. Ab Februar machen sich dann ihre südeuropäischen (meist spanischen) Kollegen auf den Weg, bis wir Mitteleuropäer in den Monaten Mai und Juni endlich unsere eigene Ernte einfahren. Hobbygärtner bauen oftmals sogenannte Monatserdebeeren an, die von Mai bis Oktober blühen und fruchten.

Der Schein trügt: Streng botanisch gesehen ist die Erdbeere nämlich gar keine Beere. Die kleinen hartschaligen Nüsschen an der Oberfläche sind die tatsächlichen Früchte, und erst ihre Fruchtböden bilden gemeinsam die rote Scheinfrucht, die wir als Frucht missverstehen. Das ganze Theater hat natürlich einen Sinn, und der heißt: Fortpflanzung. Säugetiere, wie wir Menschen, werden von der schönen Farbe der Erdbeere angelockt, beißen zu und scheiden die kleinen Nüsschen später unversehrt wieder aus. Passiert das an geeignetem Standort, keimen bald neue Erdbeerpflanzen. Ameisen transportieren die Früchte sogar in ihre Baue, verfüttern das Fruchtfleisch an ihre Larven und tragen die verbliebenen Kerne anschließend wieder aus dem Bau.

Die Mutter unserer heutigen Gartenerdbeere, die Chile-Erdbeere Fragaria chiloensis , kommt aus Südamerika und gehört wie alle Erdbeeren zu den Rosengewächse. Sie hat ledrig- starre, blaugrüne Blätter, ihre Stängel sind behaart und ihre Früchte sind im Vergleich zu anderen Erdbeerpflanzen unglaublich groß. Der französische Fregattenkapitän und Hobbybotaniker Frezier brachte Fragaria chiloensis 1715 nach Europa. Erst 1750 entstand dann die Gartenerdbeere, als man die Chile-Erdbeere erfolgreich mit der nordamerikanischen Scharlach-Erdbeere Fragaria virginiana kreuzte. Heute existieren in den gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel 12 Erdbeerarten mit zahllosen Sorten.

Aus der Gartenerdbeere, auch Ananas-Erdbeere oder Kulturerdbeere genannt, wurden etwa 1000 Sorten gezüchtet, die sich in Konsistenz, Farbe, Größe und Geschmack unterschieden. Die meisten erwiesen allerdings nicht als wirtschaftlich, denn die Erdbeere ist ein sensibles Pflänzchen mit nicht minder empfindsamen Früchten. Weltbekannt wurde die Sorte Senga Sengana durch ihr unverwechselbares Aroma, ihre Süße und intensive dunkelrote Farbe. Sie ist bestens geeignet zum Einkochen und Frosten. Dr. Reinhold von Sengbusch aus Ahrensburg, der Papst der deutschen Erdbeerzucht, hat sie entwickelt. Die Sorte ist seit 1952 durch ihr eigenes Warenzeichen geschützt gehörte zu den ersten großen Erfolgen des von Sengbusch gegründeten Unternehmens Sengana GmbH.

Auch wenn die Gartenerdbeere als eigene Spezies noch jung ist: Die ersten Überbleibsel geernteter wilder Wald- oder Monatserdbeeren ( Fragaria vesca ) stammen schon aus der Steinzeit. Der botanische Name der Erdbeere "fragaria" leitet sich ab aus dem lateinischen "fragrare" für „duften“. Wer an einem warmen Sommertag reife Walderdbeeren gerochen und dann gekostet hat, wird ihnen schnell einen Platz in seinem Garten suchen. Sie treiben, wie die großfrüchtigen Gartenerdbeeren, lange und viele Ausläufer. Als guter Bodendecker empfehlen sie sich für die Anpflanzung an Stellen, an denen man das Unkrautjäten gern vergessen möchte. Walderdbeeren sind reich an Mineralstoffen. Ihr Vitamin-C-Gehalt ist sogar höher als der von Orangen und Zitronen.

Die weiße Fragaria nilgerrensis heißt auch "huang mao cao mei" und hat ihren Ursprung in Asien. Sie schmeckt eher fade und hat deshalb keine kommerzielle Bedeutung. Die fast farblose Sorte Weiße Ananas der Gartenerdbeere dagegen kommt aus Amerika und schmeckt köstlich, ein bisschen nach Ananas eben. Leider ist sie quasi nicht transportfähig und deshalb ebenfalls uninteressant für den Handel. Von den 1000 Anbausorten weltweit entsprechen überhaupt nur wenige den Anforderungen der Wirtschaft. Wert wird vor allem auf große und ansehnliche Früchte gelegt, die transportfähig und nur wenig anfällig gegenüber Grauschimmel sind, einem der vielen natürlichen Erdbeerfeinde. Doch was groß, fest und haltbar ist, muss noch lange nicht schmecken. Das Aroma blieb in der Zucht oft auf der Strecke.