Sie glauben der Regierung nicht mehr. Etwa 700 Angehörige der radikalen Landlosenbewegung MLST stürmten gestern das brasilianische Parlament. Fensterscheiben wurden mit Stöcken und Steinen eingeschlagen, die Landlosen kämpften sich bis in den Plenarsaal vor. 500 Polizisten waren im Einsatz, um die Aufrührer abzudrängen. Der live im Fernsehen übertragene Tumult machte deutlich: Regierung da Silva hat es nicht geschafft, das Vertrauen der bäuerlichen Tagelöhner des Landes zu rechtfertigen.

Nach wie vor ist das Land im fünftgrößten Staat der Welt so ungerecht verteilt wie nirgendwo anders. Noch immer verfügen etwa fünf Millionen Familien über keinerlei Grund und Boden. Während ein Fünftel der Bevölkerung 90 Prozent des Landes unter sich aufteilen, müssen sich 40 Prozent der Brasilianer ein Prozent des Bodens teilen. Die Ansprüche der Großgrundbesitzer gehen teilweise auf die Kolonialzeit zurück und sind auch juristisch umstritten. Etwa die Hälfte der Landtitel soll nach Schätzungen offizieller Stellen auf gefälschte Dokumente zurückgehen. Die Landlosenorganisation MST reagierte in den vergangenen Jahrzehnten mit politischem Druck und illegalen Landbesetzungen.

Doch die "bancada ruralista", die Lobby der reichen Landbesitzer, verteidigt ihre Besitzansprüche seit Jahrzehnten mit einer Mischung aus parlamentarischer Einflussnahme und Gewalt. Den privaten Milizen und Auftragskillern der Landbesitzer fielen in den vergangenen Jahrzehnten tausende politische Gegner zum Opfer. Eines der prominentesten Opfer war die 74-jährige US-amerikanische Nonne Dorothy Stang, die 2003 ermordet wurde.

Der einstige Unternehmerschreck da Silva hatte sich im Wahlkampf 2002 die Unterstützung der Landlosenorganisation MST mit dem Versprechen gesichert, 400.000 landlose Familien zu Kleinbauern zu machen, notfalls mit Enteignungen. Tatsächlich teilte die Regierung den Landlosen deutlich mehr Land als die Vorgängerregierung Cardoso zu. Doch auf die nach der Verfassung zulässigen Enteignungen des riesigen unproduktiven Besitzes verzichtete da Silva. Nachlassender politischer Eifer und schwierige Mehrheitsverhältnisse sowie der Einfluss konservativer Landesfürsten auf die Bundespolitik verhinderten einen Richtungswechsel der Regierungspolitik.

Spätestens als Ende 2005 eine von der Regierung eingesetzte und von der Landbesitzerlobby dominierte parlamentarische Kommission die Landbesetzungen der MST als "ekelhafte Verbrechen" und die Bewegung selbst "terroristisch" geißelte, war der Vertrauensvorschuss der Landlosen aufgebraucht. Vier Monate vor den Wahlen wird nun offenbar: Der vermeintliche Arbeiterpräsident Lula verliert Teile seiner ureigensten Anhängerschaft. Möglicherweise hat die Parlamentsbesetzung auch für andere Gruppen Symbolkraft. Denn nicht nur die Landlosen warten auf spürbare Veränderungen. Auch die amazonische Umweltbewegung, die kulturell an den Rand gedrängten Schwarzen und besonders das Heer der urbanen Armen fordern, dass die Versprechungen von 2002 Wirklichkeit werden. Verschlimmert wird die Lage durch Korruptionsaffären in der Regierungspartei PT, die zunehmend die Glaubwürdigkeit des Präsidenten selbst zerstören.

Wahrscheinlich wird da Silva mangels Alternativen dennoch wiedergewählt werden. Da Silva selbst spielte vor vier Jahren die Rolle des Linkspopulisten, vor dem er jetzt Angst haben müsste, träte er auf die politische Bühne. Ihm droht zurzeit kein brasilianischer Chavez.