Im Streit um das iranische Atomprogramm hat die internationale Gemeinschaft einen neuen Anlauf zu einer diplomatischen Lösung unternommen. Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana überreichte am Dienstag der iranischen Führung in Teheran das in der vergangenen Woche von den fünf UN-Vetomächten und Deutschland beschlossene Kompromissangebot. Der iranische Atom-Chefunterhändler Ali Laridschani wie auch Außenminister Manuchehr Mottaki äußerten sich nach Gesprächen mit dem EU-Chefdiplomaten grundsätzlich positiv. Darauf ist der Ölpreis am Dienstag prompt um mehr als einen Dollar gesunken. Am Vortag war der Preis drastisch angestiegen, nachdem der geistliche Führer des Irans, Ajatollah Chamenei, mit einer weltweiten Energiekrise gedroht hatte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef Jacques Chirac appellierten an Teheran, auf das Angebot einzugehen. "Wir meinen es absolut ernst ... wir hoffen auf eine positive Reaktion", sagte Merkel nach einem Treffen mit Chirac im brandenburgischen Rheinsberg. Es gebe ein breites Interesse an einer diplomatischen Lösung dieses Streits. Die Bundeskanzlerin, die an diesem Mittwoch in Berlin mit Solana zusammentrifft, hatte das Thema zuvor bereits in einem Telefonat mit Chinas Regierungschef Wen Jiabao behandelt. Beide bekräftigten das gemeinsame Ziel, eine diplomatische Lösung zu finden. Zugleich unterstrichen sie die "große Bedeutung", die sie einer Rückkehr des Irans an den Verhandlungstisch beimessen.

Die iranischen Politiker kündigten eine gründliche Prüfung der Vorschläge an, erst dann werde Teheran antworten. Das Angebot sieht Anreize für eine Kooperation vor, um den Iran zum Aussetzen seiner Urananreicherung zu bewegen, aber auch mögliche Sanktionen. Einzelheiten wurden offiziell nicht mitgeteilt. Nach Informationen der New York Times (Dienstag) enthält der Vorschlag wichtige Zugeständnisse der USA. So solle dem Iran erstmals seit 27 Jahren der Import von modernen Boeing-Flugzeug-Ersatzteilen für seine alternde Flotte erlaubt werden. Wegen der US-Sanktionen seit der iranischen Revolution 1979 konnten praktisch alle iranischen Passagierflugzeuge nicht mehr modernisiert werden. Die Sanktionen betrafen auch jene Maschinen des europäischen Konkurrenten Airbus, die Teile verwenden, die in den USA produziert werden. Die Zeitung berief sich auf Aussagen europäischer Diplomaten und Mitarbeiter der US-Regierung. Zudem könnten die Sanktionen so gelockert werden, dass Teheran amerikanische Agrartechnologie importieren könne.

Der iranische Chefunterhändler Laridschani sagte, die Gespräche mit Solana seien positiv gewesen, und auch das Paket enthalte einige positive Aspekte. Allerdings gebe es auch Unklarheiten. Vor allem bewerte es Teheran positiv, dass die Europäer den Verhandlungsweg gewählt hätten, um den Konflikt beizulegen. In den vergangen Tagen hatte Präsident Mahmud Ahmadinedschad ebenfalls eine sorgfältige Prüfung der Vorschläge angekündigt, zugleich aber einen Verzicht auf die Urananreicherung ausgeschlossen.

Solana betonte das Interesse der Europäer an einer Fortsetzung der Beziehungen zum Iran auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens. Der russische Präsident Wladimir Putin lobte das internationale Vorgehen und die Zusammenarbeit mit den USA. "Unsere Ansichten stimmen bei weitem nicht immer überein, aber insgesamt verstehen wir uns, was am wichtigsten ist, und wir finden Kompromisse", sagte Putin bei einem Treffen mit Ex-US-Außenminister Henry Kissinger in Moskau.

Die fünf ständigen UN-Sicherheitsratsmitglieder, USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien sowie Deutschland, hatten sich vergangene Woche auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt. Im Gegenzug für ein Aussetzen der Urananreicherung - einer Technologie, die auch zum Bau von Atombomben benötigt wird - wolle man langfristig die Versorgung Teherans mit nuklearen Brennstoffen für Leichtwasser- und Forschungsreaktoren garantieren. Diese arbeiten mit niedrig angereichertem und damit nicht waffentauglichem Uran.