Es schunkelt durch Trachtenschlager, brummt und quäkt zu Seemannsliedern. Kaum ein Instrument spielt auf so schwankendem Boden wie das Akkordeon. Wenigstens in Deutschland scheint das Problem im Repertoire zu liegen. Die Musik der Finnin Maria Kalaniemi dagegen zieht auch Leute an, die Ziehharmonikas eigentlich so gar nichts abgewinnen können.

Die 1964 in Helsinki geborene Instrumentalistin und Komponistin zählt zu einer Generation, die sich in den achtziger Jahren so beschwingt wie respektvoll an die Folklore ihres Heimatlandes machte. Keimzelle war der damals weltweit einmalige Studiengang Volksmusik an der Sibelius-Akademie. Hier spielte die Frauenband Niekku, der Maria Kalaniemi angehörte. Hier ist sie heute Professorin.

Ihr erstes international erscheinendes Solo-Album – nach vielen Veröffentlichungen mit unterschiedlichen Ensembles – hat sie Bellow Poetry betitelt. Zu hören sind keine schmissigen Polkas, Jenkas oder Tangos, nicht das übliche Gebrüll, sondern sanfte, wortlose Poesie aus dem faltigen Balg, einem mechanischen Gesangsapparat, der ein- und ausatmet.

Maria Kalaniemi spielt Knopfakkordeon. Das weckt mitunter eher drollige Assoziationen. An kleine Quetschkommoden denkt man da, wie die bei Clowns beliebte, sechseckige Konzertina oder das quadratische Bandoneon. Dieses chromatische Instrument hingegen, wesentlich dem russischen Bajan verwandt, sieht aus wie eine riesige, komplexe Schreibmaschine. Statt einer leicht durchschaubaren Piano-Tastatur beherbergt das rechte, so genannte Diskantmanual fünf Reihen flacher Knöpfe. Ihre Anordnung ermöglicht ein schnelleres Spiel als die übliche Klaviatur. Tonleitern, Intervalle, Akkorde können nach stets gleichen Mustern gegriffen werden. Das gleiche System findet sich im gegenüber liegenden Bassteil, der nicht nur fertige Akkorde abrufbereit hält, sondern ein mehrstimmiges Spiel mit Einzeltönen erlaubt.

Akkordeons sind mächtig. Ihr dominanter Klang kann Orchesterarrangements in Fetzen reißen. Im Inneren schlummert der Wind und wehe, wenn er erwacht. Leichtfingrig führt ihn Maria Kalaniemi zum Tanz und lässt ihn flüsternd von einer pastoralen Welt erzählen. Holzbläserige Stimmen, traurig zitternd, schmiegen sich an die Wärme majestätischer Bassläufe. Rufe in der Einsamkeit ("Autio") ertönen, im Stakkato widerhallend. In einer hellen, quirligen Melodie, die der Gitarrist Olli Varis, ihr gelegentlicher Begleiter auf diesem Album, aufgreift, flattern Kraniche, Boten des Frühlings. Dann wieder biegt Maria Kalaniemi Töne, wie man es sonst nur von der Mundharmonika kennt. Nie aber erhebt sich die Raffinesse ihres Ausdrucks über die Melodie. Denn die ist ihr das Wichtigste. Sie bringt die Bilder zum Laufen.

Drei Titel auf Bellow Poetry illustriert Maria Kalaniemi mit ihrem Gesang. Lunge und Balg beschwören in Salin Hämärissä gemeinsam eine dramatische Stimmung. Niityt ja Vainiot (Meadows And Fields) ist eine sehnsüchtige Volksweise von simpler, berückender Schönheit. Diese beiden Stücke und das feierliche Så Skimrande var Aldrig Havet des schwedischen Troubadours Evert Taube (1890–1976) bleiben aber die einzigen Lieder. Der Rest ist rein instrumentale Klangrede, eine Art Programm-Musik und gleichzeitig der Versuch, die Besonderheiten finnischer Gesangstradition auf das Akkordeonspiel zu übertragen.