Die Leute vom Statistischen Bundesamt müssen einem Leid tun. Wenn man sie nach dem Anteil kinderloser Frauen fragt, können sie nur falsch antworten. Das ist nichts Neues: Der Mikrozensus als einzige amtliche Quelle liefert nur grobe Schätzungen zur Kinderlosigkeit. Dass darum weit weniger als 40 Prozent der Akademikerinnen ohne Kinder bleiben – wie es früher veröffentlicht worden war – spricht sich langsam herum. Neu ist, dass die amtlichen Statistiker das nun selbst öffentlich zugeben.

Neben dem Körpergewicht der Deutschen und allerlei Daten zu Familien und Haushalten legte das Bundesamt heute mit der Auswertung der Mikrozensusbefragung 2005 nicht etwa auch neue Zahlen zur Kinderlosigkeit vor. Stattdessen aber einen Leitfaden, wie die ehemals publizierten Werte zu verstehen seien. Von einer tendenziellen "Überschätzung der lebenslangen Kinderlosigkeit von Akademikerinnen" ist da zu lesen in der neunseitigen Erläuterung – eingebettet in ein ganzes Wirrwarr von Prozentschätzungen zu kinderlosen Frauen verschiedenen Alters mit verschiedenen Hochschulabschlüssen.

In der öffentlichen Auseinandersetzung um die Zahlen ist das ein cleverer Schachzug der Wiesbadener. Niemand kann den Statistikern mehr vorwerfen, ihre Daten seien falsch. Jede einzelne Prozentangabe aus dem Mikrozensus ist richtig. Nur steht jetzt erstmals deutlich dabei: Keine dieser Zahlen ist die endgültige Kinderlosigkeit von "Akademikerinnen". Erstens, weil jede Veröffentlichung - auch auf Grundlage anderer Datenquellen als des Mikrozensus - unter "Akademikerinnen" etwas ganz anderes versteht: Sind es Universitäts- oder Fachhochschulabsolventinnen, oder beide? Redet man über ehemalige Studentinnen aus Ost- oder Westdeutschland, oder über einen Durchschnittswert? Werden auch ausländische Absolventinnen dazugerechnet? In jedem Fall ist das Ergebnis ein anderes – mal mehr, mal weniger dramatisch. Hier zu differenzieren wäre schon immer nötig gewesen – das hätten die Medien tun müssen.

Wichtiger ist jedoch der zweite Punkt, den das Bundesamt am Dienstag schwarz auf weiß und en detail dargelegt hat: Egal für welche Gruppe - genau können wir die Kinderlosigkeit gar nicht wissen . Weil sie im Mikrozensus überhaupt nicht erfragt wird, und aus den in den Haushalten gesammelten Daten Pi mal Daumen herausdestilliert werden muss.

Die Statistiker werden nach ihrer Erklärung vermutlich das Gefühl haben, den schwarzen Peter in der Debatte um die richtigen Zahlen endlich los zu sein. Dabei hatten sie ihn nie. Das wird nun nur noch deutlicher: Schuld am Datenmangel ist die Politik. Will sie sich in Sachen Kinderlosigkeit anständig von der Wissenschaft beraten lassen, muss sie endlich dafür sorgen, dass die eine, aber entscheidende Frage nach der Zahl der leiblichen Kinder im Mikrozensus gestellt werden darf. Genau das nämlich hatte der Bundesrat per Beschluss 2004 verhindert – sehr zum Unverständnis der Forscher.

Dass nun erstmals auch das Statistische Bundesamt den Mut findet, öffentlich eine solche Frage als "einfache und effiziente Lösung" zur aussagekräftigen Datenerhebung anzupreisen, ist ein großer Fortschritt. Endlich ziehen amtliche Statistik und Wissenschaft auch ganz offiziell an einem Strang. Jetzt kann der nächste Schritt folgen: Gemeinsam das demografische Datenbedürfnis gegenüber der Politik durchzusetzen, die über ihre eigene Handlungsgrundlage entscheiden muss.

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