Generäle schlagen ihr Hauptquartier gewöhnlich nicht in Bauruinen auf - es sei denn, sie befinden sich im Kongo. General Kafulu hat zweifellos die grösste und bizarrste Ruine in Kinshasa bezogen: den Tour de Limete, die kongolesische Version des Eiffelturms. Ein Betonmonstrum von ausnehmender Hässlichkeit, das wie eine graue Nadel in den Himmel ragt. Mobutu hatte sich dieses Bauprojekt in den Kopf gesetzt - angeblich als Monument zu Ehren des Nationalhelden Patrice Lumumba, dessen Sturz er mitbetrieben hatte. Fertig wurde der Turm nie. Solch ein Projekt des Grössenwahns nennt man einen "weissen Elefanten" – und in dessen Bauch sitzt jetzt General Kafulu und kommandiert die "Unité de Police Integrée" (UPI), die Elitetruppe der kongolesischen Polizei.

Kinshasa ist in Anbetracht seiner horrenden Probleme eine erstaunlich freundliche Stadt mit erstaunlich liebenswürdigen Zivilisten, die einem alle den immer gleichen Rat geben: "Mama" – alle Frauen werden hier mit ‘Mama’ angeredet – "halten Sie sich von Soldaten und Polizisten fern." Beinahe wäre mir das auch dieses Mal gelungen: Monsieur Vicky, mein Fahrer, kennt zwar wie jeder in Kinshasa Mobutus Eiffelturm, weiss aber nicht, wie man hineinkommt, weswegen ich zum verabredeten Interview erstens zu spät und zweitens von Hitze aufgeweicht aus seinem löchrigen Mazda steige und auf den General zustolpere. "Machen Sie sich keine Sorgen, Madame", ruft Monsieur Vicky noch hinterher, "die hier sind anders. Die nehmen kein Geld."

General Kafulu ist ein Mann von stattlicher Statur. Wo immer er auftaucht, lassen seine Untergebenen die Hacken knallen, bevor sie sich wieder ihrer Beschäftigung zuwenden. Links zimmern Kadetten Stockbetten zurecht, rechts übt ein Uniformierter auf einer Trompete für die nächste Parade. Kafulus Polizeitruppe ist militärisch organisiert. "Der Präsident hat beschlossen, dass wir hier einziehen", sagt der General, als wäre seinem Quartier dadurch eine besondere Weihe verliehen. "Eine Besichtigung, Madame? Aber selbstverständlich." Und ab geht’s mitsamt Adjutant und Gefolge in die Katakomben des Tour de Limete, vorbei am Matratzenlager, am Krankenzimmer. Dann die Waffenkammer mit Kartons voller Patronen – "keine Sorge, Madame, nur Tränengas" – und sauber gestapelten grünen Styroporkartons. "Maschinenpistolen, Madame, Marke Uzi. Sehr zuverlässiges Modell."

Kongolesische Polizisten mit "zuverlässigen" Maschinenpistolen waren in der Geschichte des Landes noch nie ein gutes Zeichen. Aber hier, bei der UPI, soll nun alles anders sein. Die Europäische Union hat die 1008 Männer und Frauen der Einheit ausgebildet und ausgerüstet. Ganz einfach war das nicht – und ganz wohl ist einem auch nicht beim Anblick der Polizisten, die zackig vor General Kafulu salutieren. Die meisten waren bis vor ein paar Jahren Todfeinde, trugen die Abzeichen und Waffen der Kriegsparteien, die das Land mit Plünderfeldzügen überzogen hatten. "Pas de probleme, Madame," sagt leutselig ein Polizeifeldwebel, der früher auf Seiten der alten Regierungsarmee gekämpft hatte. Er verstehe sich bestens mit seinen ehemaligen Rebellen-Gegnern, deren Warlords sich so schillerende Namen ausgedacht hatten wie "Bewegung zur Befreiung des Kongo" oder "Kongolesische Versammlung für Demokratie". Nicht einmal mit den Kollegen von der Fraktion der Mai-Mai hat er Probleme, obwohl die überzeugt sind, dass ein besonderer Zauber sie unverwundbar mache.

"Brassage" nennt man den Versuch, ehemalige Kriegsgegner in die neuen Sicherheitskräfte des Kongo zu integrieren. In der Armee hat er sich bislang als Desaster entpuppt – nicht zuletzt, weil der Sold immer wieder in dunklen Kanälen verschwindet, worauf die Soldaten in alter Gewohnheit zu plündern beginnen. Bei der UPI scheint es zu funktionieren – nicht zuletzt, weil der erbärmliche Monatslohn von zehn Dollar tatsächlich ausgezahlt wird und für Verpflegung und Unterkunft gesorgt ist. Folglich schwärmen westliche Diplomaten von der diszplinierten Truppe des General Kafulu, die ausländische Staatsgäste schützt, in der Hauptstadt patrouilliert, bei Demonstrationen das Parlament abriegelt - und all das möglichst unter Anwendung der von europäischen Ausbildern gelehrten "nicht tödlichen Einsatztaktiken".