Wenn Maria* in der kleinen Dachgeschosswohnung über ihren Büchern sitzt, und von dem Gefühl überwältigt wird, ihr Körper sei in einem Glasgehäuse eingeschlossen, durch das sie Deutschland erlebt, schreibt sie eine E-Mail an eine Freundin in Bukarest oder einen kurzen Essay auf rumänisch. Dann reihen sich die Worte schnell und rund aneinander, das Glas hebt sich und sie bekommt wieder Luft.

Im 10- Minuten- Takt hält der Bus direkt vor ihrem Haus. Maria lehnt sich aus dem Fenster, beobachtet, wie Menschen ein und aussteigen. Es ist traurig, denkt sie, die anderen leben ihren vertrauten Rhythmus, bewegen sich selbstverständlich und sicher, aber ich gehöre noch nicht dazu. Vielleicht hat es auch einen Sinn, und mit ihrem Wesen zu tun, dass sie nur aus der Entfernung auf das Leben anderer schauen kann.

Manchmal geht Maria in der Stadt spazieren und hofft, dass ihr jemand etwas sagt, aber keiner sagt etwas. Sie werden mit ihren Träumen beschäftigt sein, überlegt sie, sie haben keinen Platz für einen. Und die deutschen Freunde, die sie gefunden hat, kann sie kaum sehen. Sie haben selten Zeit. In Deutschland, hat sie festgestellt, bestimmt die Arbeit, wie viel Zeit Menschen mit Menschen haben können. Eine Schauspielkollegin aus Bukarest mailt Maria, um sie zu ermutigen: 'Mach die Deutschen für uns fertig!' Das bringt sie zum Lachen. 'Zu spät', schreibt sie zurück, 'die haben mich schon fertig gemacht.'

"Ich hatte einer Agentur für Schauspieler anderer Nationalitäten Fotos und Lebenslauf geschickt," erzählt Maria, "die Agentin wollte mich daraufhin kennenlernen. Wir trafen uns in einem Café. Ich kam mir vor wie bei einem Verhör zu Ceausescus Zeiten. Erste Frage: 'Was suchen Sie in Deutschland?' Zweite Frage: 'Haben Sie einen deutschen Mann?' Ich war platt. Stotterte, mein Mann ist Rumäne, wir schreiben beide eine Doktorarbeit, ich promoviere in Theaterwissenschaften. 'Was?', fragte die Agentin irritiert. 'Was haben Sie denn für Voraussetzungen?' 'Nun, in Rumänien gilt die Schauspielschule als Universitätsstudium.' 'Ach so. Und glauben Sie, im deutschen Film spielen zu können? Wir haben hier sehr gute Schauspieler. Ich sehe an Ihrer Vita, dass Sie noch wenig Erfahrung haben.' 'Ich habe während der Schulzeit viel gespielt', erwiderte ich, 'auch im Film.' 'Ich nehme nur Schauspieler, von denen ich den Eindruck habe, dass sie eine Chance haben. Es kostet mich Geld und Zeit, Fotos ins Netz zu stellen. Und im Theater werden Sie es mit Ihrem Akzent auch schwer haben. Rufen Sie eine Intendanz an und Sie werden die Resonanz am eigenen Leib spüren.'

Trotzdem gab ich ihr eine DVD von mir. Zum Cover, auf dem Bild und Vita zu sehen waren, sagte sie: 'Sehr aufwändig' - als fände sie das lächerlich. 'Ich schaue mir das Band an. Wenn Sie besonders gut sind, melde ich mich bei Ihnen. Ich habe keine Zeit mehr. Auf Wiedersehen.'

Vielleicht hat sie was gegen ausländische Schauspieler, obwohl sie eine Agentur für Ausländer hat? Ich dachte, vielleicht ist mit mir was nicht in Ordnung, vielleicht bin ich blöd? Aber kann man mich in fünf Minuten schon lesen? Es hat mich nicht gestört, was sie sagte, sondern wie. Es fühlte sich an wie ein Kampf, auf den ich nicht vorbereitet war. Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag und hat ihn an mir ausgespuckt. Danach bekam ich Bauch- und Herzschmerzen - und konzentrierte mich wieder aufs Studium.