Für Fußball-Mitredner aller Art wird die Lage jetzt, so kurz vor Beginn des großen Ereignisses, komplizierter. Das Gesprächsthema heißt nicht mehr "Fußball und ...", wozu jedem immer etwas einfiel, sondern "Fußball". Da ist es schwer, Fakten oder gar originelle Standpunkte vorzuhalten. Langweilig ist es beispielsweise, Vorfreude auf die Ballkünste der Elfenbeinküste auszudrücken oder gar auf Brasilien als Titelfavoriten zu tippen. So nicht!

Stattdessen könnte man zunächst mit großer Geste erklären, dass es bedeutend leichter ist, ins WM-Finale vorzustoßen als Europameister zu werden. Ein Beispiel: würde unsere Vorrunde aus den Gegnern Südkorea, USA und Paraguay bestehen, würde alles andere als der erste Platz als Versagen empfunden. Das aber sind genau die Gegner, durch deren Überwindung Deutschland 2002 bis ins Finale vorstieß. Damals galt das als sensationell. Unsere Jungs haben jeweils 1:0 gewonnen. Man stelle sich vor, in dieser Form wären sie auf Frankreich, Italien, England, Tschechien, Kroatien oder Portugal getroffen - allesamt schwerere Gegner als die tatsächlichen. Von den Niederlanden, Spanien, Schweden oder Bulgarien, mit denen wir uns oft schwer taten, ganz zu schweigen.

Eine Vorrunde mit den Gegnern Costa Rica, Polen und Ecuador sollte zu schaffen sein. Ab dann aber ist weiteres Siegen vor allem möglich, wenn die anderen Europäer sich gegenseitig das Leben schwer machen. Die europäischen Länder sind in summa die stärkste Fußballmacht - wer es nicht so patriotisch mag, kann diese unverfängliche These vollen Herzens vertreten: Werden Sie Eurozentrist! Das zustimmende Fan-Spektrum dürfte etwa von Daniel Cohn-Bendit über Günther Verheugen bis Horst Köhler reichen.

Gegen alle, die auf Brasilien setzen, ist die harte Wahrheit der Statistik ins Feld zu führen. Zuletzt haben die so gern gesehenen "Ballzauberer vom Zuckerhut" einen WM-Triumph auf europäischem Boden 1958 feiern können. Da war Pelé siebzehn Jahre alt und Franz Beckenbauer dreizehn. Ältere Herren dagegen bevölkern heute die Abwehr der Brasilianer - Cafu, Emerson und Roberto Carlos kann unser Dortmunder Leichtathlet David Odonkor souverän die Fersen zeigen.

Bleiben die Afrikaner. Ja, wenn es eine Afrika-Auswahl geben würde - mit Eto'o, Essien und Drogba im Sturm! Selbst diese müsste sich aber vermutlich einen Torhüter ausleihen, um international konkurrenzfähig zu sein. All die Fliegenfänger in langen Hosen - darf man das sagen ohne die Diskriminierungsschwelle verbal zu übertreten ? - lassen afrikanische Teams doch bei jedem Freistoß zittern. Eine halbe Abwehr von Arsenal und ein Chelsea-Superstürmer sind für ernsthafte Titelambitionen einfach zu wenig.

Wem dieser Eurozentrismus politisch zu wenig hermacht, tut gut daran, die allenthalben anzutreffenden "Migrations-hintergründe" zu betonen - also "unsere Jungs" Miroslav Klose und Gerald Asamoah zu feiern und den Ur-Schweden Zlatan Ibrahimovic zu fürchten.

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