Die Rheinsberger erwarten hohen Besuch. Am Dienstag werden sie Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihren Gast, Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac, in ihrer Heimat willkommen heißen. Wieder wird die kleine Stadt in Nordbrandenburg das Interesse der Medien auf sich ziehen. Reporter und Fotografen werden erneut in die Stadt einfallen und ihre Bilder in die Welt tragen. Es werden schöne Bilder sein - und das hat Rheinsberg bitter nötig.

Vor einem Jahr und auch noch Anfang 2006 sahen die Schlagzeilen anders aus. Die Rede war von einem abgefackelten Döner-Imbiss, von eingeschlagenen Scheiben asiatischer Restaurants und Läden, von Naziparolen und einer "braunen Flut", die die Gemeinde überschwemme. Und spätestens seit jenem Sonntag im Mai, als Rheinsberg in einem Einspielfilm bei Christiansen als abschreckendes Beispiel präsentiert wurde, sollte auch dem Letzten in der Republik klar werden: Diese Stadt hat ein rechtes Problem.

Damit steht sie als brandenburgische Stadt nicht allein. Und doch unterscheidet sie etwas ganz Entscheidendes von manch anderer Kommune in der Prignitz, Uckermark oder Niederlausitz: Sie tritt die Flucht nach vorne an und bekennt sich zu ihrem Problem. Die Verantwortlichen von Stadt und Gemeinde traten unlängst an die Öffentlichkeit und verkündeten der versammelten Presse ihre Pläne, um Fremdenfeindlichkeit und rechtes Gedankengut langfristig zu bekämpfen. Die zeitliche Nähe zum Besuch der Kanzlerin sei rein zufällig, beteuert Bürgermeister Manfred Richter. "Das ist hier ist keine Imagekampagne, das möchte ich mal klar stellen. Wir wollen einfach, dass so etwas nicht mehr passiert."

"So etwas" sind vor allem die Anschläge auf den Imbiss des kurdischen Rheinsbergers Mehmet Cimendag. Gleich vier Mal wurde sein Laden 2003 und 2005 in Brand gesteckt. Nach einem Brand im August 2003 wurden drei Jugendliche aus der rechten Rheinsberger Szene festgenommen. Ihr Motiv: "Die brauchen das hier nicht verkaufen, wir sind hier nicht im Türkenland", sollen sie danach gesagt haben. Die Schäden blieben bis dahin gering, doch beim vierten und letzten Mal, in der Nacht zum 30. März 2005, haben die Täter ihr Ziel erreicht: Cimendags Existenzgrundlage brannte vollkommen aus, übrig blieben schwarz verkohlte Reste.

Doch er gab den braunen Attacken auch diesmal nicht nach. Mit dazu beigetragen hat sicherlich auch die prompte Reaktion der Stadt und ihrer Bürger. In einem offenen Brief wertete Bürgermeister Richter die Tat als "Angriff auf unser Gemeinwesen" und appellierte an das Opfer, "unserer Stadt nicht den Rücken zu kehren." Die Unterstützung zeigte Wirkung: Mehmet Cimendag blieb mit Frau und Kind und wagte einen Neuanfang. Mit Hilfe von Spenden und der Unterstützung der Stadt baute er seinen Imbiss wieder auf und steht nun jeden Tag von acht bis 21 Uhr hinter seinem Tresen, über den er Döner und Getränke reicht.

Es sei schwer gewesen für ihn, erzählt er. "Meine Eltern wollten, dass ich zurück nach Berlin-Neukölln komme. Aber ich wollte hier bleiben."  Hat er denn keine Angst?  "Angst?", fragt er zurück. "Gute Frage". Statt einer Antwort deutet er auf eine Stelle an der Seite seines Wagens, wo eigentlich die Leuchtreklame hängen sollte. Doch sie ist nicht da. In der Nacht vor der Wiedereröffnung am 12. Dezember 2005 wurde der Imbiss erneut demoliert und das Werbeschild zerstört. "Die wissen genau, wo ich wohne", sagt Cimendag. In so einer kleinen Stadt wie Rheinsberg sei das auch kein Wunder. "Natürlich habe ich Angst, aber ich zeige sie nicht", beantwortet er schließlich die Frage mit einem trotzigen Lächeln auf den Lippen.