Das Urteil lautet 15 Jahre wegen Totschlags in acht Fällen. Wie bewerten Sie dieses Urteil?

Die Verurteilung wegen Totschlags halte ich im Ergebnis für richtig. Fünfzehn Jahre ist natürlich die Obergrenze.

Welches Strafmaß hätte Sie überzeugt?

Ich hätte auch eine mildere Strafe für vertretbar gehalten im Hinblick auf die psychische Belastung und die völlige Isolation der Mutter. Acht bis zehn Jahre wären möglich gewesen, aber das Gericht war natürlich dem Geschehen näher.

Was sprach denn dagegen, Sabine H. wegen Mordes zu lebenslanger Haft zu verurteilen, so wie es die Staatsanwältin gefordert hatte?

Eine Verdeckungsabsicht liegt nicht vor. Dafür wäre es erforderlich gewesen, dass eine andere Straftat verdeckt wird. Dazu ist das Verhalten der Angeklagten natürlich völlig ungeeignet. Die Leichen blieben erhalten, die konnten so nicht verdeckt werden. Die niedrigen Beweggründe konnte man natürlich ernsthaft erwägen, angesichts des großen Unrechts der Tat und dieser unfasslichen Abfolge. Gegen niedrige Beweggründe spricht jedoch, dass sich die Frau in einer außergewöhnlichen psychischen Situation befunden hat.

Wie würden sie diese juristisch fassen?

Am besten ist die Lage der Mutter vergleichbar mit der alten Motivation der Kindstötung. Die gab es ja früher im Strafgesetzbuch: Wenn eine Mutter unmittelbar nach der Geburt ihre Kinder getötet hat, war das ein Milderungsgrund. Dann lag die Freiheitsstrafe bei drei bis 15 Jahren. Der Paragraph beschränkte sich auf nichteheliche Kinder. Insofern hätte es bei ihr nicht gepasst. Aber der Rechtsgedanke, der dem zugrunde lag, wohl schon. Der Paragraph wurde 1998 gelöscht, weil er schief war. Die nichteheliche Geburt ist ja inzwischen fast die Regel. Aber ich meine, der Rechtsgedanke ist nach wir vor zu berücksichtigen. Die außergewöhnliche psychische Belastung, der eine Frau ausgesetzt ist in der Situation der Geburt, hat meines Erachtens dazu geführt, dass sie einfach panikartig reagiert hat.