Die NATO hat den radikal-islamischen Taliban in Afghanistan mit einem "robusten und massiven Einsatz" gedroht. Die Verteidigungsminister der Nordatlantischen Allianz beschlossen am Donnerstag in Brüssel, ungeachtet zunehmender Terrorakte die Schutztruppe ISAF noch in diesem Jahr in ganz Afghanistan einzusetzen. Die Zahl der Soldaten soll von bisher 9000 auf 25.000 erhöht werden. "Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass die ISAF aus dieser Region verjagt werden kann", sagte NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer zu einer Häufung von Anschlägen und Angriffen. "Die NATO kommt. Und sie kommt robust und massiv."

Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung sagte, es habe in diesem Jahr bereits so viele Anschläge in Afghanistan gegeben wie im gesamten vergangenen Jahr: "Das ist schon ein Punkt, den man sorgenvoll sehen muss." In Afghanistan sind derzeit rund 2800 deutsche Soldaten stationiert, vor allem im als relativ sicher geltenden Norden. Jung sagte, er habe den Eindruck, dass die Bevölkerung dort die Hilfe durch fünf Wiederaufbauteams schätze, die von den Deutschen geschützt werden. Die Bundeswehr werde dort "sehr positiv aufgenommen".

"Für mich ist es klar, dass wir auf die Probe gestellt werden", sagte De Hoop Scheffer. "Die Taliban und andere testen uns aus, weil sie uns dort nicht haben wollen. Denn wir schaffen ein Klima von Sicherheit und Stabilität und bemühen uns um die Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung. Aber wir werden sehr robust reagieren."

Bis Juli soll die ISAF in den Süden ausgeweitet werden, bis November auch in den Osten. Im Osten Afghanistans ist bisher lediglich die von den USA geleitete "Operation Enduring Freedom" (OEF) aktiv, deren Hauptaufgabe die Bekämpfung von Terroristen ist. ISAF und OEF sollen künftig eng zusammenarbeiten, aber weiterhin getrennte Befehlshaber haben. Die USA wollen im Februar 2007 für ein Jahr den Oberbefehl über die ISAF übernehmen.

Afghanistans Verteidigungsminister Abdul Rahim Wardak sprach unter Hinweis auf die Regierungsbildung in Kabul von "einem Versuch der Taliban und anderer, von der Zeit des Übergangs zu profitieren. Die Regierung habe jedoch "drastische Maßnahmen" ergriffen. "Ich denke, dass wir jetzt vielleicht einen oder zwei Monate mit ein wenig Krise erleben werden. Aber nach kurzer Zeit werden wir eine drastische Veränderung in der Sicherheitslage im Süden erleben", sagte Wardak. Die afghanische Armee zählt derzeit rund 70.000 Soldaten, die allerdings als nur bedingt einsatzbereit gelten.

Die NATO-Minister forderten die afghanische Regierung auf, noch mehr zu tun, damit die Bevölkerung einen wirtschaftlichen Aufschwung zu spüren bekommt, sagten Diplomaten. Scheffer sagte: "Unsere Ausweitung muss durch Bemühungen der afghanischen Regierung und der internationalen Gemeinschaft ergänzt werden, sich mit der gesamten Breite der vor uns liegenden Probleme einschließlich des Drogenhandels zu befassen."