Haben wir schon am zweiten Tag der WM den Weltmeister gesehen? Könnte sein. Aber trug er Orange oder Blau-Weiß? Argentinien gegen Elfenbeinküste am Samstagabend war das erste Spiel dieser Titelkämpfe, das an den atemberaubenden Tempofußball der letzten Europameisterschaft anknüpfte. Hier trafen nicht einfach zwei Mannschaften aufeinander, sondern zwei Philosophien. Und wie immer, wenn es grundsätzlich wird, ist auch das Klischee nicht weit: Hier die Argentinier, die Preußen Südamerikas, bestens organisiert bei ihren pfeilschnellen Vorstößen, gnadenlos im Ausnutzen der Chancen. Dort die Elfenbeinküste mit ihrem Herzinfarktfußball: In der Vorwärtsbewegung immer den Zweikampf suchend, um ein Dribbling zeigen zu können. Traumschön im höchsten Tempo mit der Sohle den Ball um den Gegner herumziehen, hier noch ein Tunnelversuch, da noch ein Haken - darunter machen sie es selten. Wenn’s gelingt, jubelt alles, wenn’s misslingt, rollt sofort der chirurgisch präzise Konter.

Wo die Sympathien des Fußballvolkes liegen, war schnell klar, obwohl die Argentinier im Hamburger Volksparkstadion optisch und akustisch eindeutig in der Mehrheit waren. Als die Spieler um den ivorischen Kapitän Didier Drogba kurz nach dem ersten Gegentor der Argentinier fünf Großchancen innerhalb von nicht einmal 10 Minuten aus den Füßen zauberten, kochte das Stadion am Volkspark wie wohl selten zuvor bei einem HSV-Spiel. Aber dann – noch so ein Klischee – kam es wieder zur sprichwörtlichen Angst der Afrikaner vor dem Tor. Der kalten Schönheit und Präzision des argentinischen Spiels wiederum (bis hin zur Art und Weise, in der ihr Torwart Zeit schindete) zollte das Publikum nur raunend Respekt, aber vielleicht kommen aus staunend aufgerissenen Mündern auch keine anderen Töne, wenn einem ob des Spieltempos die Luft wegbleibt.

Schon beim Aufwärmen konnte, wer wollte, seine liebsten Vorurteile über die Völker bestätigt finden: Die Argentinier zeigten disziplinierte Dehnübungen bis kurz vor dem Anpfiff, die Ivorer daddelten mit dem Ball so rum, ein paar bunte Hütchen, wie sie heute üblich sind, hatten sie zur Tarnung (oder zur Demonstration von good will ) auch auf dem Rasen verteilt, doch die maximale Systematik, die sie sich gönnten, war ein lässiges Traben der ersten Elf, Seit' an Seit', aber bloß nicht zu schnell.

Und so wird es auch bei dieser WM wahrscheinlich wieder so kommen, wie alle Freunde des lustvollen Spiels fürchten: Die Afrikaner werden zaubern – und ausscheiden. Zum einen ist das Spiel der Elfenbeinküste zu sehr auf Didier Drogba zugeschnitten. Er ist der Magnet, um den herum sich die Eisenspäne seines Teams ordnen. Schon nach nicht einmal drei Minuten köpfte er das erste Mal aufs gegnerische Tor. Sein Spiel ohne Ball ist kaum mehr als ein majestätisches Einherschreiten, aber sobald sich das Spiel der Gefahrenzone nähert, ist der Mann kaum zu halten. Zudem macht seine Ballabschirmung dem Kampfnamen der Ivorer, „die Elefanten“, alle Ehre: Ihn vom Ball zu trennen, ist ähnlich schwer, wie einen Dickhäuter beiseite zu schieben. Aber er kam selten frei zum Schuss, und seine Kameraden, denen dies mehrfach vergönnt war, hatten das Zielwasser wohl in Abidjan vergessen. Immerhin bescherte Drogbas später Anschlusstreffer allen Beteiligten elf panische letzte Minuten, aber zur stürmischen Unschuld der ersten 45 Minuten fanden die Ivorer nicht mehr zurück; vielleicht fehlte auch einfach die Kraft. Die Argentinier jedenfalls schaukelten die Partie routiniert und ohne Stürmer (Pekerman wechselte zur Überraschung ganz Argentiniens die Stars und Torschützen Crespo und Saviola früh aus) nach Hause.

Und noch ein Klischee, ein letztes: Afrikanische Mannschaften haben selten gute Torhüter – offenbar, weil alle Kinder lieber auf dem Feld zaubern wollen. Auch Jean-Jacques Tizie wurde wohl nur letzter Mann, weil es für anderes nicht reichte. Im Tor scheint er sich nicht wirklich wohl zu fühlen, jedenfalls spielte er unentschlossen, zappelig, ein Meister im Nachfassen.

„Auf diesem Niveau darf man keine Fehler machen“, sagte der ivorische Trainer Henri Michel, der nach dem Spiel, das für ihn aus vergebenen Chancen bestand, so derangiert aussah, als sei er unter eine Elefantenstampede geraten.