Normalerweise zieht es mich nicht vor die Mattscheibe, wenn 22 Männer in Trikot und Wadenschutz mit mehr oder weniger ausgefeilter Strategie einen Ball auf dem Rasen hin- und herschieben. Nur dem Eröffnungsspiel der WM, Deutschland gegen Costa Rica, hätte ich schon gerne beigewohnt. Schließlich ist es in den nächsten paar Wochen von nicht geringer sozialer Bedeutung, mitreden zu können. Nun, leider musste ich wie einige meiner Mitmenschen an jenem Freitag Abend den letzten Zug gen Heimat erwischen, will sagen: Ich befand mich von 18 bis 21 Uhr im informationsleeren Raum, abgeschnitten von jeglicher weltmeisterschaftlicher Zivilisation.

Das Nachrichtenvakuum Deutsche Bahn war aber wie erwartet doch nicht ganz wasserdicht. Man hatte dafür gesorgt, seine Fahrgäste auf zwei Wegen vom aktuellen Spielstand wissen zu lassen. Da waren zum einen die flachen Infobildschirme, auf denen der geplagte Fahrgast sonst gebetsmühlenartig alle zehn Minuten eine Filmvorschau für pubertäre Teeniefilme à la American Pie serviert bekommt, oder in kurznachrichtlicher Form erfährt, dass Christian Wulff und seine Frau Christiane sich scheiden lassen.

Während des Auftaktmatches wurde dieses Unterhaltungsprogramm plötzlich jäh unterbrochen durch einen dunkelblauen Bildschirm, übertitelt mit "Regionalnachrichten". "Deutschland- Costa Rica 1:0 (Lahm)" lautete die Botschaft. Auch die freundliche Lautsprecherdurchsage tönte, sie wolle uns auf den neuen Spielstand im Fußball-WM- Spiel aufmerksam machen. Welch ein Service. Leider nur enorm zeitversetzt. Schlau, wie ich war, hatte ich die ersten 20 Minuten mein portables Miniradio angeschaltet und erfahren, dass es bereits 2:1 stand. Der blaue Bahnbildschirm konterte prompt mit einem 2:2. Es hatte nie 2:2 gestanden, fand ich später heraus.

Meine Mitreisenden wurden unruhig. So viele Tore in so kurzer Zeit? Ein Jammer, jetzt Bahn fahren zu müssen. Ein Gefühl, dass einige dazu bewegte, sich mit seinem fremden Sitznachbarn über dies und jenes zu unterhalten. Diese Zwischenmenschlichkeit ging sogar soweit, dass sich wildfremde Menschen freundlichst wie nie voneinander verabschiedeten, sobald der Zug ihren Zielbahnhof erreicht hatte.

Immer, wenn sich die Türen öffneten und Fahrgäste zustiegen, schwappten vereinzelt "Schalalala"- Gesänge in den Zug, aber bis auf zwei Hardcore-Fußballfans in den hinteren Reihen des Wagons, war es ruhig bestellt um die abendliche Fußballeuphorie. Ihr vorsichtiges "Olé olé" musste in verhältnismäßig leeren Sitzreihen verhallen. Außerdem wollten die beiden die vielen anderen Schlafenden und Lesenden nicht stören, die weder Lust auf Smalltalk noch auf "Wir werden Weltmeister" hatten.

Das war wirklich auffällig: Noch nie hatte ich so viele Bücher und Fachzeitschriften in meinem Abteil beobachten können. Noch nie hatten alle in diesem Zug einen Sitzplatz und noch was: Noch nie war ich so gespannt darauf, zuhause vor dem Fernseher zu erfahren, ob der Bahn-Infobildschirm mit seinem Endstand richtig lag. Die Antwort darauf möge jeder Reisende selbst herausfinden.