Zäh hält sich in Deutschland das Gerücht, die Nation sei "geschichtsvergessen". Ihr fehle die freie Sicht auf die Tiefe deutscher Zeiten, auf Kaiser und Könige und das Licht vor dem Dunkel jenseits von Schuld und Schande.

Solche Sätze sind alt, ungefähr so alt wie Helmut Kohls Pläne für ein Deutsches Historisches Museum, also fast zwanzig Jahre. Es gab damals viel Streit, denn sofort entstand der Verdacht, das Nationalmuseum sei eine Anstalt zur vaterländischen Aufrüstung bei gleichzeitiger Entledigung der NS-Vergangenheit. Das Misstrauen war begründet. Unvergessen bleibt die Frage des Kohl-Beraters Michael Stürmer, wie lange es dem "steinernen Gast aus der Vergangenheit" noch gestattet sein solle, "über Bürgertugend und Vaterlandsliebe sein Veto zu werfen".

Vom gotischen Kettenhemd bis zu Wallensteins abgebrochenen Degen

Seit Kohls ersten Plänen sind viele Jahre ins Land gegangen, köstliche Steuermillionen ausgegeben worden, und wenn nicht die WM vor der Tür stände, würde das Deutsche Historische Museum (DHM) noch in hundert Jahren sichten und sammeln. Doch Pfingsten wurde die Dauerausstellung im ehemaligen Zeughaus Unter den Linden eröffnet, und siehe da: Alles ist anders. Die Ausstellung ist diskret, konventionell und lehrreich. Sie ist kühl bis zur Geschichtslosigkeit und steril bis zur Provokation. Wer daraus Honig für seinen Neonationalismus saugen will, muss sich nach härterer Kost umsehen, diese Ausstellung wird ihn enttäuschen. Es gibt nur deutsche Brocken und die deutsche Sprache, aber keine zweitausendjährige Nationalgeschichte von Arminius bis Angela Merkel. "Die Geschichte Deutschlands ist die Geschichte unserer Nachbarn", sagt Hans Ottomeyer, Generaldirektor des DHM. Und artig spricht’s die Schau ihm nach.

Auf 8000 Quadratmetern haben die Ausstellungsmacher 8100 Exponate untergebracht, manches Mal gedrängt und gezwängt. Es gibt einen breiten Hauptgang, der den Strom der Weltgeschichte markiert und in neun Abteilungen durch die Epochen führt zum Raum wird hier die Zeit. Die biederen Erklärungen sind ein Tribut an die Eiligen und Ahnungslosen, aber es reicht, um Schulklassen mit Schulbuchwissen zu quälen. Hier erfährt man, dass Luther die Alte Welt veränderte und Kolumbus eine neue entdeckte.

Wer sich mit Hausmannskost nicht abspeisen lassen will, der sollte an beleuchteten "Meilensteinen" die Hauptroute verlassen und in "Vertiefungsräume" abbiegen, um die Epochen aus der Nähe zu betrachten oder sich am Detailgestöber zu erfreuen ("Ein Kettenhemd schützt vor dem Schwert, nicht aber vor der Armbrust"). Die dritte Ebene ist weitgehend unsichtbar, aber wahrhaft faszinierend. An 150 unaufdringlichen Medienstationen kann der Besucher elektronisch in Originalen blättern und seine Neugier aus Datenbanken füttern. Wer dieses erstaunliche Angebot würdigt, der braucht Zeit, viel Zeit. Vermutlich Tage.

Der Gründungsdirektor Christoph Stölzl und sein Nachfolger Hans Ottomeyer haben tüchtig eingekauft, aber man spürt doch, dass vor allem im Mittelalter die Luft dünn ist, weil hier die schönsten Objekte längst vergeben sind. Immerhin, stolz zeigt man die Reitermaske eines niedergemetzelten römischen Offiziers, die grandiosen Augsburger Monatsbilder, die im propagandistischen Auftrag der Fugger vom Leben einer blühenden Stadt erzählen; ein in den Türkenkriegen erobertes Prachtzelt, Wallensteins abgebrochenen Degen, Napoleons Hut und die durchschossene Weltkugel aus Hitlers Reichskanzlei, auf der Berlin durch den Pistolenschuss eines alliierten Soldaten von der Landkarte getilgt wurde. Andere Raritäten stammen aus dem Erbe der DDR. Sie hatte das Zeughaus, einst die preußische Waffenkammer, in ein "Museum für deutsche Geschichte" verwandelt, gewidmet dem sozialistischen Weltgeist, der mit den Bauernkriegen flügge wird und zwischen ostdeutschen Plattenbauten glücklich niederkommt.