Deutschland sorgt sich um den Wadenmuskel von Ballack, England muss weiter um den Metatarsal von Rooney zittern. Auch wenn man sich nach ausführlichem Studium der Röntgenbilder denn doch entschlossen hat, den 20-jährigen Stürmer mit zur WM nach Deutschland zu nehmen. Irgendwann im Verlauf des Turniers soll Wayne Rooney als Wunderwaffe eingesetzt werden und England den Cup holen. Vorausgesetzt, der kaum verheilte Fußknochen hält den Belastungen stand.

Darauf setzt Sven Göran Erikson, so malt es sich die leicht erregbare britische Presse aus. Einige Journalisten haben sich noch nicht von jenem euphorischen Optimismus überwältigen lassen, der vor einem großen Fußballturnier jedesmal durchs Land rast und die Sinne vernebelt. Simon Barnes sinnierte in seiner Kolumne in der Times über die bange Frage, ob Sven Göran Erikson vom "Wahnsinn" befallen sei in seinen letzten Wochen als Englands Nationaltrainer.

Sich über Eriksons mentalen Zustand Gedanken zu machen, ist verständlich. 5 Jahre lang demonstrierte der Schwede bewundernswerte Nervenstärke angesichts permanenten Medienrummels um sein, zugegeben, exorbitantes Gehalt von 4 Millionen Pfund pro Jahr wie seine erstaunlich zahlreichen Liebesaffären. Zugleich hatte sich der 56-jährige Manager als personifizierte Vorsicht entpuppt.

Wenn es zu wählen galt zwischen einem kreativen, technisch guten Mittelfeldspieler oder einem mittelmäßigen Rackerer im Mittelfeld, fiel die Entscheidung stets zugunsten des Letzteren. Ergänzt wurde dies um bemerkenswerte taktische Inflexibilität, die England bei der WM 2002 und der letzten EM in Portugal teuer zu stehen kam. Erikson war nicht im Stande, etwas anderes als das 4-4-2 System zu spielen. Bei einem Rückstand wechselte er zudem mit sicherer Hand stets die falschen Spieler ein.

Plötzlich ist selbst auf diese defensive, ängstliche Grundhaltung nicht mehr völlig Verlass. Erikson entpuppt sich mehr und mehr als Hasardeur. Schon das absurde Aufgebot mit nur einem voll einsatzfähigen Stürmer, nämlich Peter Crouch, deutete daraufhin. Michael Owen ist nicht in Form und bleibt verletzungsanfällig; den 17-jährigen Theo Walcott, den Erikson angeblich als Superjoker einsetzen will, gab er im letzten Vorbereitungsspiel gegen Jamaica nicht einmal als Einwechselspieler ein Chance.

Eriksons Entscheidung für Rooney, der wegen des gebrochenen Fußknochens seit fast drei Monaten weder spielen noch vernünftig trainieren konnte, wäre vertretbar gewesen, hätte der Englandmanager von Beginn an zumindest einen Stürmer mehr ins Aufgebot geholt. Stattdessen stopfte er es mit defensiven Mittelfeldspielern wie Hargreaves voll, die in Deutschland wahrscheinlich nicht einmal zum Einsatz kommen werden.

Kein Wunder, dass besorgte Stimmen fragen, ob Erikson von " madness ", vom Wahnsinn befallen sei oder, schlimmer noch, nach Vergeltung trachte für die Behandlung, die ihm die Presse fünf Jahre lang angedeihen ließ. Sein Abschied von der Insel ist schließlich besiegelt. Andererseits kann man damit rechnen, dass ihm letztlich doch an einem englischen Erfolg gelegen sein muss, um sich für einen neuen Topjob, etwa bei Real Madrid, zu empfehlen.

Das Paradoxe an der Geschichte: England besitzt ein starkes Team, das fähig ist, die eigene Gruppe zu gewinnen und unter die letzten Vier vorzustoßen. Aber Erikson könnte durch Taktik und Aufstellung dafür sorgen, die Mannschaft zu schwächen. So bleibt am Ende nur die Hoffnung, eine neue Wurschtigkeit möge den Manager zu mutigen personellen Entscheidungen ermuntern. Gegen Paraguay will er offenkundig mit zwei Stürmern starten, mit Owen und dem 2 Meter großen Peter Crouch. Ansonsten heißts "Warten auf Rooney".