Wer in diesen Tagen durch das Berliner Regierungsviertel spaziert, stellt fest, wir sind nicht Papst und wir sind auch nicht Deutschland, wir sind Fußball. Die Hauptstadt und ihre nationalen Symbole sind fest in der Hand des Fußballs und seiner Sponsoren. Der Ball regiert, der Rest ist Staffage. Das Brandenburger Tor zum Beispiel ist kaum noch zu erkennen. Auf dem Pariser Platz erhebt sich ein überdimensionaler stählerner Fußball. Südlich der Quadriga beginnt die Fanmeile. Auf 2,5 Kilometern und vor sieben Großbildleinwänden können Fußballanhänger aus aller Welt zuschauen, essen, saufen und natürlich jubeln. Zum Auftakt haben dort am Mittwoch eine Viertelmillion Fans gefeiert, die Stimmung war prächtig, es kann losgehen.

Der Reichstag wirkt in diesem Fan-Getümmel ein wenig steif. Neben dem geschichtsträchtigen Bau steht derzeit ein Koloss aus 12.000 Tonnen Stahl. Auf dem heiligen Rasen des Platzes der Republik, auf dem an WM-freien Tagen nicht einmal Fußball spielen erlaubt ist, hat Deutschlands Global Player Adidas für 10.000 Fans eine gigantische Arena aufgebaut, einen verkleinerten Nachbau des Olympia- und Endspielstadions. Wenn hier gerade nicht die 64 WM-Spiele übertragen werden, geben sich Popstars wie James Blunt oder Juanes die Ehre.

Politik ist im Regierungsviertel zur schönsten Nebensache der Welt mutiert, bis zum 9. Juli ist Fußball Pflichtprogramm. Im globalen Schweinwerferlicht will auch die Regierung glänzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sorgt sich deshalb mehr um die Wade von Michael Ballack als um die Gesundheit der Nation. Für Vizekanzler Franz Müntefering ist die deutsche Mannschaft zwar nur ein "Außenseiter", aber einer mit "Potenzial". Innenminister Wolfgang Schäuble hingegen ist fest davon überzeugt, dass Deutschland im Finale 2:1 gewinnt.

Doch es gibt sie noch, die fußballfreie Zone im Berliner Regierungsviertel. Wer genug vom Runden hat, kann sich ins Ovale flüchten, in die Reichstagskuppel. Zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus hat der Bundestag seine markante gläserne Kuppel nachbauen lassen, natürlich – wie könnte es in diesen Tagen anders sein - als Bundestags-"Arena". 22 Meter ist die hoch, innen sind im Halbkreis Bänke aufgestellt, farblich gestaltet nach den Mehrheitsverhältnissen im Parlament. Diskussionsveranstaltungen sollen hier stattfinden, die Bundestagsausschüsse wollen in der Arena öffentlich tagen. Die schönste Nebensache der Welt soll auch in Zeiten von König Fußball erlebbar bleiben.

Einmal in der Stunde spielen daher unter der nachgebauten Kuppel zwei imaginäre Abgeordnete ein wenig Demokratie. Der Abgeordnete Herr Tietze klärt die angereisten Fans über die Frage auf: "Wie wird man eigentliche Abgeordneter?", und "Bundestagspräsident" Dr. Wagner erläutert launig nicht die Abseitsregel, sondern die Geschäftsordnung des Hohen Hauses. Etwa 2,5 Millionen Euro kostete der Spielort für die Kurzunterweisung in Sachen Demokratie, der die Besucherschlangen vor der echten Reichstagskuppel verringern soll. Sponsoren trugen nur etwa 370.000 Euro zur Finanzierung bei. Der Imagefaktor des Parlaments ist halt gering, wenn ein Land im kollektiven Fußballrausch versunken ist.

Ist ja auch kein Wunder. Denn die alles entscheidende Frage können weder Herr Tietze noch Dr. Wagner beantworten noch Merkel, Müntefering & Co: Wie werden wir nicht Politiker, nicht Papst und auch nicht Deutschland, sondern wie werden wir Weltmeister? Die Antwort gibt’s auf dem Platz - oder auf der 60 Quadratmeter großen Riesenleinwand vor dem Brandenburger Tor.

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