Die Erzählungen meiner Eltern aus ihrer Studentenzeit klingen paradiesisch. Ausschlafen, Brötchen holen, dann vielleicht zur Uni, vielleicht auch nicht; jedenfalls noch ein bisschen revoltieren und demonstrieren nebenher. "Die beste Zeit meines Lebens", sagt mein Vater.

Keine Frage also, ob ich studieren würde. Doch wogegen revoltieren? Wogegen demonstrieren? Unsere Eltern hatten es leicht. Die eigenen Eltern entweder Nazis oder Mitläufer, in jedem Falle abzulehnen. Die neue, mit alten NSDAP-Funktionären ausstaffierte Republik  war das Feindbild, die Revolutionäre in Lateinamerika und Asien das Vorbild. Es galt, die sexuelle Befreiung durchzusetzen, Kaufhäuser anzuzünden, um gegen den kopflosen Konsum und den Vietnamkrieg zu protestieren, und Klotüren auszuhängen, um der spießigen Gesellschaft den Rest zu geben. Und das alles im Glanzlicht des Schocks ihrer Elterngeneration.

Wer diese Menschen, inzwischen selbst Eltern erwachsener Kinder, schockieren möchte, macht am besten eine Banklehre. Die Generation der heute Mitte-Zwanzig-Jährigen hat nichts mehr, woran sie sich reiben kann und verlernt den Protest. Diese Generation muss überall durchpassen, sich anpassen, sich klein machen. Diese Generation ist glatt. Bloß kein Staubkorn soll haften bleiben, nur die Makellosesten schlängeln sich durch bis nach oben.

Protest kann sich keiner mehr leisten. Auch die Studenten nicht. Während einer Streikwoche an der Berliner Freien Universität für bessere Studienbedingungen und ein selbstbestimmteres Lernen weigert sich ein Großteil der Studierenden vehement, auf ihre Seminare zu verzichten: Es drohten Fehlstunden. Widerstand ist zu teuer geworden.

Doch unser innerer Revoluzzer will raus. Wenn er mal muckt, sehen wir uns um, suchend, nach Vorbildern, nach Leitfiguren unserer Generation, denen man sich anschließen könnte, und stellen fest: Unsere Generation hat keine Revolutionäre. Wie auch? Wer revoltiert schon gegen seine Eltern, wenn er antiautoritär erzogen wurde und Mama und Papa heimlich um ihr politisches Bücherregal beneidet?

Und nicht nur heimlich verehren wir die Vorbilder unserer Eltern: Che Guevara, wenn er noch lebte, wäre jetzt 78. Die letzten Linken am Otto-Suhr-Politikinstitut der FU halten sich weiterhin an Marx, Adorno und Marcuse. Wir pumpen uns unsere Vorbilder, während wir auf unsere Karriere schielen, wir sehnen uns nach einer Studentenbewegung jenseits des täglichen Trotts zur U-Bahn und zurück, wir lesen wehmütig Autobiografien der Berliner Kommunarden.