Jürgen Klinsmann belohnte die Sieger von München mit einem freien Tag - nur Michael Ballack musste für seine Rückkehr ins Team schuften. Trotz der Sonderschicht für den Kapitän suchte der Bundestrainer nach den Dissonanzen beim umjubelten 4:2-Erfolg gegen Costa Rica am Sonntag demonstrativ den Schulterschluss mit seinem wichtigsten Spieler. Schon drei Tage vor dem Spiel gegen Polen gab er seinem Mittelfeldstar eine Einsatzgarantie - sofern er bei der Fitness weiterhin "optimale" Fortschritte erzielt. "Wir freuen uns, dass Michael am Mittwoch seinen Einstieg ins Turnier bekommt."

Am Sonntag durften sogar erstmals die Frauen ins "Schlosshotel" im Grunewald, trotzdem flimmerten weiterhin die Bilder der anderen Spiele über die Fernseher. "Die Spieler brauchen Freilauf und Regeneration. Aber man lebt dieses Turnier, jeder hat schon das Polen-Spiel im Hinterkopf", bemerkte Klinsmann, der seine Liebsten schon am Freitag nach dem Eröffnungsspiel in München kurz in den Stadion-Katakomben wiedergesehen hatte. Die Hochrechnungen im Team laufen bereits auf eine vorzeitige Qualifikation für das Achtelfinale hinaus, nachdem der vermeintlich stärkste Gruppengegner einen 0:2- Fehlstart gegen Ecuador hinlegte. "Unser Ziel gegen Polen ist ein Sieg, dann sind wir so gut wie durch", meinte Philipp Lahm.

Begeistert und beeindruckt zeigten sich Spieler und Verantwortliche von der Welle der Euphorie, die schon nach dem ersten Sieg durch Deutschland schwappt. Klinsmann stellte den Dank an die Fans, "die in allen Städten Party machen", ganz bewusst an den Beginn seiner Pressekonferenz am Sonntag: "Das sind fantastische Bilder, die auch die Mannschaft registriert. Kompliment an die Fans."

Klinsmann hält die Zügel allerdings fester denn je in der Hand: Das bekommt selbst der Kapitän zu spüren. Nach dem Machtwort vor dem Eröffnungsspiel, als Klinsmann die öffentliche Gesundmeldung von Ballack ignoriert hatte, bemühte sich der Bundestrainer aber um ein Ende der Misstöne, indem er die Bedeutung seines Stars öffentlich hervorhob. "Er ist unser Kapitän, er ist unsere Lokomotive. Dass man einem Kapitän sagen muss, es klappt noch nicht bei einem Eröffnungsspiel, tut einem selbst weh. Dennoch muss man es tun. Die Trainer müssen entscheiden."

Ballack fügte sich am Wochenende der Marschroute seines Chefs - wenn auch nach wie vor etwas angefressen: "Ich wollte spielen, und er hat das nicht ganz so gesehen. Dann bin ich natürlich im ersten Moment enttäuscht, aber ich muss das akzeptieren." Mit Radfahren und Lauftraining unter ständiger Beobachtung von Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat sich der Kapitän wieder ans Mannschaftstraining herangetastet, in das er an diesem Montag zurückkehren soll.

Auch wenn der "Brocken Costa Rica", so Klinsmann, mit den Traumtoren von Philipp Lahm und Torsten Frings sowie dem Doppeltreffen von Miroslav Klose auch ohne Ballack aus dem Weg geräumt werden konnte, warnte Ex-Kapitän Oliver Kahn im DSF vor fatalen Fehleinschätzungen: "Es ist wichtig, dass der Michael als Kapitän auch immer wieder Dinge anspricht, so dass ein bisschen Reibung innerhalb der Mannschaft entsteht. Das muss er machen, das ist seine Aufgabe. Denn wir können uns ja nicht nur an kollektiver Euphorie erfreuen, sondern müssen schauen, dass wir in diesen Phasen auch kritisch miteinander umgehen."