Es ist den Vereinigten Staaten wieder passiert. Gerade noch wähnte man sich auf dem Kurs einer "neuen Außenpolitik" der guten Vorsätze , da brachten die Nachrichten über ein Massaker in Haditha US-Präsident Bush erneut in Schwierigkeiten. Jetzt haben sich am Wochenende drei Insassen von Guantánamo erhängt. Und wo man vielleicht versöhnliche Töne erwartet hätte, hört man Hämisches: "Sie achten das Leben nicht, weder unseres noch ihr eigenes. Dies war kein Akt der Verzweiflung, sondern asymmetrische Kriegsführung gegen uns", erklärte ein General. Nicht zu Unrecht erntet die Bush-Regierung nun heftige Kritik, auch aus den deutschen Printmedien.

"Was immer die drei Gefangenen (...) auf dem Kerbholz gehabt haben mögen - nach rechtstaatlichen Maßstäben waren sie allenfalls mutmaßliche Terroristen, also Unschuldige", schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung . "Mag auch das Opfer ihres eigenen Lebens noch nachträglich von ihrer finsteren Entschlossenheit zeugen, im Kampf gegen 'den Westen' vor nichts zurückzuschrecken - ihr Tod setzt dennoch nicht sie, sondern Amerika ins Unrecht." Der Grund liegt auf der Hand: Die "schiere Existenz" Guantánamos sei "eine Widerlegung der Behauptung, es ginge in diesem Kampf um die Verbreitung universeller Werte wie Freiheit und Recht."

Auch die Süddeutsche Zeitung kritisiert die Einrichtung scharf: "Der Insasse in Guantánamo ist ein Mensch ohne Recht. Er wird nicht angeklagt, er steht nicht vor Gericht. Wer das vorletzte Mittel aller Rechtlosen wählt, den Hungerstreik, der wird zwangsernährt." Vom Tod als "letztem Ausweg" schreibt der Kommentator und dann, etwas pathetisch: "Weil es im Diesseits kein Entkommen gibt aus Guantánamo, haben sie sich erhängt."

Die tageszeitung bewertet die Aktion der Gefangenen etwas kritischer: Wahrscheinlich wollten sie durch die Selbstmorde ein gemeinsam geplantes Fanal setzen, schreibt das Blatt. Möglicherweise seien die Selbsttötungen also ein Akt der "psychologischen Kriegsführung" gewesen - vielleicht sollten sie aber einfach auch auf die Zustände in der Einrichtung hinweisen. Die Schuld sei bei den USA zu suchen: "Wer ein Lager jenseits der eigenen rechtsstaatlichen Garantien und auch jenseits der völkerrechtlichen Verträge aufbaut, darf sich nicht wundern, wenn die Insassen immer wieder versuchen, die Welt hieran zu erinnern."

In der Neuen Osnabrücker Zeitung lesen wir: "Es ist eine schwärende Wunde am Körper der freiheitlichen westlichen Demokratie. Washington beklagt immer wieder den zunehmenden Antiamerikanismus in der Welt. Der wird aber von niemandem so zuverlässig und erfolgreich gefördert wie von der derzeitigen US-Führung selbst."

Ein Blatt jedoch warnt vor allzu leichter Kritik an den USA: die Leipziger Volkszeitung : Der moralische Zeigefinger sollte hierzulande nicht allzu hoch gestreckt werden. Schließlich zeigten die Gefangenenflüge der CIA über die Bundesrepublik, "dass auch zwischen Ostsee und Bodensee keine unangreifbare Oase der Menschenrechte liegt. Zudem waren zu Zeiten des RAF-Krieges manche Landsleute über sich selbst erschrocken, wie schnell man in radikale Denkweisen verfällt, wenn der Terrorkampf im eigenen Land stattfindet."

Doch immerhin ein Amerikaner scheint verstanden zu haben, dass es so nicht mehr weitergeht. George Bush drückt seine "tiefe Sorge" über den Vorfall aus, spricht sogar darüber, dass er Guantánamo gerne schließen würde. Bleibt abzuwarten, ob er Konsequenzen zieht. Will er tatsächlich eine "neue Außenpolitik" erfolgreich vertreten, muss er das tun.