Eigentlich sollten die Frankfurter Börsianer in diesen Tagen kräftig feiern. Eines ihrer liebsten Kinder ist gerade volljährig geworden. Vor achtzehn Jahren, im Juni 1988, wurde der Deutsche Aktienindex Dax eingeführt. Und das mit großem Erfolg: Der Dax ist allgegenwärtig. Selbst die größten Börsenbanausen können sich ihm nicht entziehen. Und die Vermarktung der Dax-Rechte hat sich für die Deutsche Börse zu einem grandiosen Geschäft entwickelt.

Dass den Börsianern trotzdem nicht zum Feiern zu mute ist, dürfte an den schmerzhaften Verlusten der letzten vier Wochen liegen. Daran konnte auch ihr geliebter Dax nichts ändern. Dabei wurde er extra dafür geschaffen, die Börse etwas freundlicher ausschauen zu lassen. Vor achtzehn Jahren hat man deswegen sogar den bis dahin unangefochtenen führenden FAZ-Index geopfert. Der FAZ-Index mit seiner soliden Konstruktion bildete das Geschehen an der Börse zwar ausgezeichnet ab. Doch er war zu träge. Man glaubte, um die Sparer an die Börse zu locken, benötige man einen dynamischeren Index, der sich ein bisschen schneller bewegt.

So stieß man auf den bis dato wenig bekannten Index der Börsen-Zeitung, den der Journalist Frank Mella zum Dax ummodelte. Der Vorteil des neuen Index bestand darin, dass er nur die dreißig größten und umsatzstärksten Unternehmen berücksichtigte, vor allem Finanz- und Technologieunternehmen. Die Langweiler wurden ausgeblendet. Die Folge war, dass der Dax die Bewegungen an der Börse deutlich überzeichnete. Waren Veränderungen von mehr als einem Prozent beim FAZ-Index schon eine Nachricht in der Tagesschau wert, waren sie beim Dax normaler Alltag geworden.

Zusätzlich baute Mella aber noch einen zweiten Turbo-Effekt ein: Im Unterschied zum biederen FAZ-Index, aber auch zum amerikanischen Dow Jones, ignorierte er die jährlichen Dividendenabschläge. Das heißt, dass in den Dax nicht nur die an der Börse festgestellten Kurse einfließen, sondern zusätzlich noch die jährlichen Ausschüttungen der Unternehmen. Somit drückt der Dax zwar den Gesamtertrag eines fiktiven Anlegers aus. Das wahre Geschehen an der Börse gibt er aber nur verzerrt wieder. Konkret: Der Dax liegt stets um zwei bis drei Prozent besser als die tatsächlichen Kurse. Zudem steht er im Vergleich mit konkurrierenden Indizes immer etwas günstiger da. Gegenüber dem Dow Jones und dem FAZ-Index hat der Dax allein durch diesen kleinen Trick während der letzten 18 Jahre einen Vorsprung von rund 50 Prozent herausgeholt.

Insgesamt hat der Dax sich seit seinem Start mehr als verfünffacht. Doch den hohen Wertzuwachs hat er auch seinem äußerst günstigen Starttermin zu verdanken. Der Beginn seiner offiziellen Berechnung wurde  rückwirkend auf den Jahresbeginn 1988 festgelegt. Und damit – welch ein Zufall – unmittelbar nach dem großen Crash von 1987. Hätte die Berechnung nur ein halbes Jahr früher eingesetzt, also vor dem Crash, sähen die Gewinne schon weniger imposant aus.

So aber konnte es erst einmal nur aufwärts gehen –schneller als an den anderen Börsen dieser Welt. Von 1000 Punkten im Jahr 1988 bis zu jenen legendären 8136 Punkten am 7. März 2000. Der höchste Stand, den der Dax je erreicht hat. In der Schlussphase des Aufstiegs nahm endlich auch die Zahl der Aktienanleger einmal zu. Doch die meisten Neuaktionäre fielen mitten in die Bullenfalle. Drei lange Jahre währte der schmerzhafte Sturz. Beschleunigt durch den Zusammenbruch der New Economy und den 11. September 2001 gaben die Kurse weltweit nach. Und in Frankfurt zeigte sich, dass der Turbo auch in die andere Richtung wirkt: Der Dax fiel hier besonders tief. Bis zum 12. März 2003, als er schließlich bei 2188 Punkten angekommen war.