Gastgeber Deutschland fühlt sich bereit zu großen WM-Taten - und das sogar ohne Anführer Michael Ballack. Ohne den Kapitän bestreitet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Abend in München das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft gegen Costa Rica. Bundestrainer Jürgen Klinsmann entschied sich am Freitagnachmittag gegen einen Einsatz des Kapitäns, der sich am späten Donnerstagabend nach seiner Wadenverletzung überraschend wieder beschwerdefrei und einsatzbereit gemeldet hatte. Die Position von Ballack im deutschen Mittelfeld nimmt der Bremer Tim Borowski ein.

Das tagelange Kneten und Massieren der "Wade der Nation" war also umsonst. Doch der Ausfall des Kapitäns im Eröffnungsspiel ändert für Jürgen Klinsmann nichts an der Vorgabe gegen Costa Rica und dem großen Vertrauen in seine junge und unerfahrene Mannschaft. "Wir hätten uns gewünscht, dass Michael Ballack an Bord ist. Er ist unser Leader und Kapitän. Es ist schade, aber weil wir wissen, wie gut alle drauf sind, ist das kein Problem", verkündete am Donnerstag ein schon 32 Stunden vor dem Anpfiff kämpferisch gestimmter Bundestrainer. Der Teamchef verkaufte die bittere Nachricht vor dem Auftaktspiel an diesem Freitag (18.00 Uhr) im Münchner Stadion sogar als Chance: "Das ist eine zusätzliche Motivation für uns."

Beim letzten Medienauftritt in Berlin hatte er die Ärmel seines dunkelblauen Hemdes bereits hochgekrempelt, mit entschlossenen Parolen eröffnete er verbal den auf dem Rasen geplanten Sturmlauf Richtung Finale. "Jeder fiebert dem Moment entgegen, dass es losgeht. Die Mannschaft weiß, was sie will. Sie will einen positiven Start. Wir wollen einen Dreier. Wir werden uns zerreißen von der ersten Minute an", versprach Klinsmann in beschwörenden Sätzen. Nach 1954, 1974 und 1990 ist der vierte Stern auf dem deutschen Trikot das Ziel - die Rekordprämie von 300 000 Euro würde es jedem Spieler einbringen.

Der Projektleiter der "Mission 2006" weiß, dass wie vor vier Jahren beim deutschen Rekordsieg gegen Saudi-Arabien (8:0) das erste Spiel Richtung weisend ist, besonders bei einem Championat im eigenen Land: "Was wir zeigen, wird die Stimmung vorgeben für die nächsten Tage." Einen Selbstläufer dürfe niemand erwarten, eher ein Geduldsspiel und einen körperlichen Abnützungskampf. Darauf ist das Team in zahlreichen Video-Stunden vorbereitet worden. "Wir bekommen den ersten Gradmesser gegen Costa Rica. Die werden uns das Leben schwer machen von der ersten Sekunde an. Die werden auf alles losgehen, was sich bewegt", prophezeite Klinsmann.

Mental und physisch will der Gastgeber voll dagegen halten, der große Erwartungsdruck soll mit Unterstützung des Publikums in positive Energie umgesetzt werden. Miroslav Klose, der 2002 in Sapporo mit drei Toren gegen die Saudis gleich von Null auf Hundert durchstartete, glaubt jedenfalls fest an eine Siegesparty an seinem 28. Geburtstag. "Wir gehen nicht vom Negativen aus. Wir nehmen uns vor, von der ersten Minute an Vollgas zu geben und das Publikum hinter uns zu ziehen", sagte der Sturmführer, der sich trotz einer Bindehautentzündung am rechten Auge in Top-Form fühlt.

Das Topspiel der Vorrunde gegen Polen am kommenden Mittwoch in Dortmund wird zur neuen Zielvorgabe für den Kapitän, dem Klinsmann unüberhörbar vorwarf, dass er sich nach der im Kolumbien-Spiel erlittenen Blessur unprofessionell verhalten hatte. Statt frühzeitig die DFB-Ärzte zur Behandlung aufzusuchen, schöpfte Ballack lieber den kurzen Pfingsturlaub bei seiner Familie aus. Er habe die Verletzung unterschätzt, lautete Klinsmanns Vorwurf. Konsequenz: Ballack wird Sonderschichten leisten müssen. "Er muss doppelt so viel arbeiten. Er muss die Basis haben, auf internationalem Niveau zu sein."