Er trägt Anzug und Krawatte
Pro
Seidiger Stoff. Jackett Figur umspielend, Hosenbeine mit lockerem Fall. Elegante Schuhe, übrigens geputzt. Ein Hemd in diskreter Farbigkeit, Krawatte mit verwegenem Auftritt – kann in solchem Anzug ein Langweiler stecken? Eigentlich nein.
Aus früheren Zeiten, als Männer noch Jäger waren und Frauen in der Höhle warteten, haben sich bis in die Zeiten globalisierter Karrieresurfer leider versteckte Genpools erhalten, die Männern zellulär das Gefühl einflößen, Abgerissenheit sei ein Indikator für Testosteron und Müffeln ein Beweis für schweißtreibenden Außendienst auf freier Wildbahn. Die Verwerfung aller ästhetischen Erwägungen bezüglich der eigenen Erscheinung kommt rüber wie eine Mutprobe, die zeigt, dass er sich ohne Rücksicht auf Verluste der Wildnis entgegenzuwerfen bereit ist. Könnte auch eine Machtprobe sein, im Sinne von: Kann doch aussehen, wie ich will, krieg aber trotzdem eine. Nun, welche Frau braucht das, hat sie nicht selber einen Job? Warum sollte sie, die ihr Fleisch selber jagt, noch Zugeständnisse machen, was das Auftreten der Typen betrifft? Anders gesagt: auf lustvolles Schnuppern verzichten?
Eleganz steht für Raffinesse. Da ist einer, der ein Gefühl für Texturen hat. Augen hat, um Farben zu genießen. Kann sich zwar nicht die Augenringe wegschminken wie unsereins, aber weiß, wie egal das ist, wenn der Aufzug heiter stimmt. Der sorgfältige Umgang mit der eigenen Erscheinung könnte ein Signal sein, dass er sich denselben Maßstäben unterwirft, die er bei Frauen anlegt. Es sei denn, er hat sich das alles nicht selber zurechtgelegt, sondern seine Frau, pünktlich jeden Morgen nach der Dusche.
Susanne Mayer

Contra
Kleider sind zeichenhaft, sie kommunizieren dem Gegenüber etwas, im Fall des Anzugs mit Krawatte: Zuverlässigkeit und Seriosität. Es finden sich umso mehr Anzugträger, je höher die hierarchische Ebene liegt, in der sie arbeiten. Auch auf die Branche kommt es an. Faustregel: Je mehr Zuverlässigkeit und Seriosität das Unternehmen ausstrahlen soll, desto strenger ist die Kleiderordnung. Es ist auch tatsächlich einfacher, im Anzug gut angezogen auszusehen als in Baumwollhosen und Sakko. Der Schnitt und die einheitliche Farbe verhüllen selbst unvorteilhafte Figuren noch vorteilhaft. Was also ist gegen die guten Stücke zu sagen?
In ihrer Zeichenhaftigkeit sind Kleider so etwas wie eine an die Oberfläche gebrachte Körpersprache. Auf die reagieren wir Frauen sehr sensibel. In der Bank, im Büro und beim Anwalt sind die Signale des Anzugs angebracht und erwünscht. Doch sonst? Wer immer Anzug trägt, strahlt nicht mehr aus als jemand, der immerzu verbindlich lächelt. Was fehlt, ist der Witz, die Kreativität, das Spielerische - Eigenschaften, auf die ich bei einem Mann aber nicht verzichten will.
Natürlich schafft es nicht jeder, mit Kleidung kreative Gedanken auszudrücken. Für viele ist der Versuch sogar ein Risiko. Aber ich will ja auch nicht viele Männer – nur den einen, der es beherrscht.
Wenke Husmann

Er liebt Fastfood
Pro
Ganz tief unten, im schon fast Unbewussten, schlummert in uns Frauen eine archaische Sehnsucht nach dem wilden Mann. Nach einem, der mit bloßen Händen einen Tiger erwürgt und seine Zähne in das zuckende Tier schlägt. Schweißtropfen glitzern an seinen Muskeln, Blut tropft aus den Mundwinkeln. Er ist stark, leidenschaftlich und unbändig. Er ist der Beschützer, der Eroberer, der Ernährer. Eine Naturgewalt, die nicht von Brokkoliröschen, sondern von rohem Fleisch lebt.
Im wahren, bewussten Leben der Großstädterin laufen keine Tiger herum, der wilde Mann ist eine sehr traurige Figur. Wer braucht schon einen Beschützer? Und die Katzenliebhaberin schüttelt sich bei der Vorstellung solch grausamen Gebarens. Sie hat einen zarten Intellektuellen an ihrer Seite und ist heilfroh, dass er mit diversen Gabeln und Messern, mit Weingläsern und Weinsorten umgehen kann, beim Essen nicht schmatzt und hinterher nicht rülpst. Und kluge Gedanken bedeuten uns mehr als Muskeln, keine Frage.
Doch ab und zu zeigt uns fast jeder Mann, dass er weiß, wovon wir heimlich träumen. Ab und zu blitzt der wilde Urahn noch mal aus seinen Augen. Dann packt ihn die Lust auf ungesundes fettes Fleisch und viel Bier aus der Flasche. Er verschmäht das Besteck, nimmt die bloßen Hände und kommt zur Sache. Ketchup oder Currysauce rinnen aus seinen Mundwinkeln, wenn er in die Wurst oder den Burger beißt. Nur zu, Mann!
Parvin Sadigh

Contra
Es gibt wohl kaum eine Disziplin, in der ein Mann so viel falsch machen kann wie bei der öffentlichen Nahrungsaufnahme. Zum Beispiel, wenn "auswärts essen" für ihn bedeutet: "McDonald's oder Italiener?" Nichts gegen Fastfood. Wenn die tägliche Currywurst allerdings vertuschen soll, dass sich der Herr nicht in ein "anständiges" Restaurant wagt, wird es bedenklich.
Verletzungsfreies essen mit Messer und Gabel sollte ein Mann ebenso beherrschen wie den aufrechten Gang. Zur Grundbildung gehört auch, dass er den Brotteller nicht als Aschenbecher missbraucht, nicht nach dem Servicepersonal mit den Fingern schnippt, laut "Hallo!" oder gar "Fräulein!" ruft und nicht den Wein als "korkig" zurückschickt, selbst wenn der einen Glasverschluss hatte. Alles schon mal da gewesen.
Selbstverständlich kann man uns mit einem Besuch im feinen Restaurant beeindrucken. Mit der gelungenen Auswahl des richtigen Lokals sollte die Angeberei allerdings erledigt sein. Nichts ist ekelhafter als ein Mann, der sich dort benimmt wie einer, der "auch was geboten bekommen will für sein Geld". Oft genug sind das dieselben, die dann doch wieder auf Nummer Sicher gehen und das Schnitzel bestellen, weil sie für kulinarisches Neuland zu borniert sind.
Die schlimmste Todsünde ist übrigens, beim Bezahlen der Dame die Rechnung zu zeigen mit der Frage: "Wie viel Trinkgeld soll ich geben?" Geizige Männer, die sichergehen wollen, dass man mitbekommt, wie viel sie gerade ausgeben, sollten tatsächlich bei Currywurst bleiben. Da können sie wenigstens nicht allzu viel falsch machen.
Sigrid Neudecker

Er ist älter
Pro
Warum sollte ich als junge Frau nicht eine Weile von einem erfahrenen Mann profitieren und meine Zeit mit ihm genießen? Viele werden hier die psychologische Schablone anlegen: Er braucht einen Jungbrunnen, sie einen Vaterersatz. Unsere Konstellation bedient keine Konventionen, und ebenso wenig muss sie ins bewährte Erklärungsschema passen. Warum sollten er und ich uns nicht auf gleicher Wellenlänge wiederfinden? Warum einander über Bord werfen, nur weil der eine ein paar Jährchen früher geboren ist? Nur um irritierte Mitmenschen zu schonen?
Ich leiste mit dieser Beziehung einen Beitrag zur Generationenverständigung: Ich - die Jugend von heute - im Dialog mit dem, der angeblich bereits in einem anderen Kosmos lebt. In geselligen Runden der Mittelalten halte ich stellvertretend für meinesgleichen Ausschau nach dem, was noch kommen mag: Da werden Tipps und Tricks zum Hemdenbügeln ausgetauscht, man überbietet sich mit Abenteuergeschichten von "früher" oder vergleicht seine körperlichen Verschleißerscheinungen: den Bauch, die Leisten, Schlafstörungen. Ein wahrlich unterhaltsames Programm. Da können Jungs in meinem Alter nicht mithalten.
Sobald ich auf die Eltern des Liebsten treffe, scheint auch wieder die Dreigenerationenfamilie zum Greifen nahe, ganz ohne eigenen Nachwuchs. Der Sozialstaat wäre gerettet.
Heiraten und schwören "Wir sind uns treu bis an dein Lebensende" wäre mir eine Nummer zu groß - und zu trist. Aber gerne willige ich in ein befristetes Liebesabenteuer ein und hoffe, dass das Herz dem kühlen Kopf kein Bein stellt.
Franziska Guenther

Contra
Alter Kerl, junges Mädchen, das ist eine altbewährte Konstellation, selbst Goethe, der Greis, wollte sich noch einmal durch eine achtzehnjährige Schönheit verjüngen. Die Phalanx der gestandenen Familienväter, die auf den Flügeln eines zweiten oder dritten Frühlings auf die Idee kommen, die alte, halbwegs gleichaltrige Gattin plus Anhang gegen eine töchterliche, im Idealfall kinderlose Geliebte auszutauschen, ist schier endlos. Willy Brandt, Sigfried Unseld, Günter Grass, Woody Allen, Joschka Fischer und kein Ende. Schon diese kurze Liste zeigt: Links sitzt das Ehebündnis offenbar lockerer als rechts. Aber rechts holt auf. Seit die CDU ihrem alten tradierten Familienmodell selber nicht mehr traut und sich achtundsechzigerisiert hat, ist sie vor den erotischen Selbstverwirklichungsfantasien ihrer Mitglieder auch nicht mehr sicher. Jüngster Fall: Christian Wulff und sein süßer blonder Scheidungsgrund.
Warum machen Männer das? Klar, jung sieht einfach besser aus. Wir finden die alten Herren ja auch nicht wirklich knackig. Aber das ist nur Teil eins der Begründung. Teil zwei lautet: Ich bin hier der Chef. Und der größte Chef bekommt das jüngste Stück Frau. Gleichberechtigung ist eine prima Idee, aber bitte nicht in meinem Wohnzimmer, um vom Schlafzimmer gar nicht erst anzufangen. Und warum machen wir Frauen das? Aus Sehnsucht nach dem starken Mann? Dem liebevollen Vater, den wir nicht hatten? Weil wir uns selbst zu wenig zutrauen und wenigstens ein kleines Stückchen Chef-Abglanz vom großen Papa-Chef abbekommen wollen? Irgendsoetwas muss es wohl sein. Wahrscheinlich haben wir in unserer Kindheit zu viele Cowboyfilme gesehen. Vielleicht glauben wir wirklich, dass uns mächtige Männer auch mächtig glücklich machen. Aber ganz unter uns: Bei keiner, die das ausprobiert hat, scheint das je geklappt zu haben. Sie sehen alle ein bisschen traurig, ziemlich blass um die Nase, viel zu dünn und kein bisschen glücklich aus. Hinzu kommt ja noch das Problem der frühen Witwenschaft, auch kein Zuckerschlecken.
Resümee: für Männer mag das Alter-Knacker-junge-Süße-Modell anregend sein (oder auch nicht). Für uns Frauen ist es das Letzte. Noch keine von uns hat als Jungbrunnen eines alten Galans ihr Glück gefunden. Und ob Gleichberechtigung wirklich so ein Erotikkiller ist, wie die hohen Herren und ihre blasse weibliche Gefolgschaft zu glauben scheinen, dazu hätte wir doch gerne mal eine siebenhundertseitige Studie aus der sexualwissenschaftlichen Tiefenforschung. Bis zum Beweis des Gegenteils behaupte ich: Das ist alles Macho-Unsinn.
Iris Radisch

Er macht Karriere
Pro
Erfolg ist attraktiv, und jemand, der uns durch seine eigene Leidenschaft für neue Themen begeistern kann, regt uns an. Weniger attraktiv ist der Mann, der dazu rund um die Uhr arbeitet. Er wirkt überlastet, womöglich gestresst. Oder er tut wichtig. Diese Begleiterscheinungen manches Mannes, leider auch manches erfolgreichen, sind hier nicht gemeint. Sie ersticken seine Attraktivität schneller, als er seine Visitenkarte rüberreichen kann, denn sie widersprechen dem, was wir am allermeisten an einem Mann schätzen: Souveränität.
Ein Mann, der Karriere macht, muss nicht Herr vieler Angestellter sein, sondern vor allem Herr seiner selbst. Er kann mit seinen Pflichten umgehen, ohne dass Probleme ihn übermannen. Er teilt sich seine Zeit sinnvoll ein und weiß, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Deswegen legt er Termine so, dass er zur Vorsorgeuntersuchung seines Sohnes gehen kann.
So ein erfolgreicher Mann bleibt auch in hitzigen Diskussionen ruhig und bringt die Argumente moderierend zu einem für alle akzeptablen Ergebnis zusammen. Das hat ihn beruflich zu Recht weit gebracht. Privat aber auch: Er ist mit mir verheiratet.
Wenke Husmann

Contra
Das Schicksal einer arbeitenden Super-Mutti mit einem Karrieristen an der Seite will ich mir ersparen. Sie strengt sich an, Job und Kind in einen 24-Stunden-Tag zu pferchen. Sie wartet vertrauensvoll, dass der Gatte ein ähnliches Zeitmanagement gebiert. Doch es bewegt sich nichts. Im Gegenteil. Plötzlich hat er ein ganz wichtiges Jahr im Job. Lebenswichtig, sagt er, sei es, jetzt viel zu arbeiten. Das nächste Jahr ist dann auch so eines. Das übernächste auch.
Ein Ende? Nicht abzusehen. Er ist wie berauscht, hat die Karriere an Nummer eins gesetzt, irgendwie besessen von anhaltender Panik, die nächste Sprosse auf der Karriereleiter faule durch, wenn er nicht sofort darauf steigt. Der sich anfangs von männlichen Rollenmustern emanzipiert rühmende Kindsvater hat sich in letzter Konsequenz doch resistent gegen die Vaterrolle erwiesen - von Sprechzeiten an Abenden und Wochenenden mal abgesehen. Und sie? Ist frustriert. Täglich hält sie sich vor, dass sie ihr Leben kaum bewältigt. Es gibt immer mehr und noch mehr zu tun, das Kind soll gut erzogen werden, die Hausarbeit, die Hausaufgaben und - nicht zu vergessen - der eigene Job. Er hingegen ist glücklich. Schließlich hat er doch alles, was das Männerherz begehrt. Eine reizende Frau, einen tollen Job, der ihm Spaß macht, und ein schnuckeliges Kindchen. Die Stunden, Minuten und Sekunden, die Vater und Kind zusammen verbringen, sind für beide das Größte. Deswegen versteht er auch gar nicht, was frau denn habe. Es ist doch ein Traum, so ein Kind.
Christine Jähn

Er trägt Bart
Pro
Zugegeben: Nicht jeder Mann sollte einen Bart tragen. Auch bestimmte Formen des Barts - Jean-Pütz-Schnauzer, Hitler-Bärtchen und Messner-Vollgestrüpp - gehören hoffentlich dauerhaft der Vergangenheit an. Dass aber viele Frauen heute konsequent auf spiegelglatt rasierten, babypopozarten Männergesichtern bestehen, ist trotzdem sonderbar. Zum einen, weil ein Bart doch etwas sehr Männliches ist. Rau eben. Zum anderen, weil er meist gut aussieht. Gerade jungenhaften Milchgesichtern verleiht ein Dreitage- oder Kinnbart oft etwas Interessantes. Es gibt zudem viele Männer, die richtig einfallsreich werden, wenn es um ihren Bart geht, und ganz verschiedene Formen und Muster ausprobieren. Da Langhaar-Frisuren sehr wenigen Männern stehen und die Frisurenauswahl mithin beschränkt ist, sollte man den Männern dieses Spielfeld der Eitelkeit nicht nur gönnen, sondern es auch wertschätzen. Wir leben schließlich nicht in Amerika, wo abgesehen vom Haupthaar mittlerweile jeder Flaum epiliert, rasiert und verödet wird.
Indes gelten auch für Bärte die Regeln des guten Geschmacks: Männer mit schwachem oder löchrigem Haarwuchs sollten besser verzichten. Es könnte räudig aussehen. Auch lange Bärte wirken eher ungepflegt. Idealerweise sollte ein Bart also kurz ausfallen und gleichmäßig wachsen. Dann kann kratzig sehr schön sein.
Kathrin Zinkant

Contra
Ausgerechnet New York. Ausgerechnet in dieser pulsierenden Metropole, die sich unablässig neu erfindet, in der Menschen aus allen Erdteilen, Geld und Bohème aufeinandertreffen und jene Trends schaffen, die später unfehlbar nach Europa schwappen: Ausgerechnet in New York wurde jetzt die Renaissance des Schnäuzers ausgerufen.
Ich dachte, wir hätten den Schnurrbart endlich hinter uns gelassen. Ich gebe zu: Das Ganze ist hierzulande ein heikles Thema, zumindest in Zeiten des WM-Fiebers. Schließlich gehörten Fußball und Oberlippenbart eine Zeitlang untrennbar zusammen – und nicht in den schlechtesten Zeiten des deutschen Fußballs. Im Jahr 1990, als fast jeder Oliba und Vokuhila trug, wurden die Deutschen mit Olaf Thon und Rudi Völler Weltmeister. Thon rasierte sein Schmuckstück wenig später ab. Völler behielt sein Bärtchen und führte die deutsche Elf 2002 zur Vize-Weltmeisterschaft.
Zum Glück ist der Zusammenhang zwischen Bart und Meisterschaft vor dem aktuellen Turnier niemandem aufgefallen. Sonst liefe nun womöglich halb Deutschland mit Schnäuzern durch die Gegend. Und wir Frauen litten – nicht nur ästhetisch. Oder küssen Sie vielleicht gerne einen pieksenden Handfeger? Das fühlt sich nicht nur ziemlich unangenehm an und vermiest frau erheblich den Spaß. Der Vergleich mit dem Kehrbesen ist auch in anderer Hinsicht angebracht, wie das Fachblatt Men's Health herausgefunden hat. Ähnlich wie der Besen nimmt ein Schnauzbart Staub, Pollen und andere Partikel ziemlich gut auf und gibt sie bei Kontakt wieder ab. Mehr braucht man dazu wohl nicht zu sagen. Ebenso, wenig wie zu der politischen Konnotation eines Oberlippenbarts, mit dem meist eine konservative, systemstabilisierende Einstellung des Trägers verbunden wird.
Ich hoffe inständig, dass sich New York diesmal nicht als Trendsetter für Deutschland erweisen wird.
Alexandra Endres

Er hat einen Bauchansatz
Pro
Neulich fragte mich ein Mann mit so viel Bauch, dass man in seinem Fall wirklich nicht mehr von "Ansatz" sprechen kann, ob ich nicht irgendwann mal fünf Kilo abnehmen wolle - dann hätte ich nämlich wirklich eine super Figur. Dreist! Und meiner Erfahrung nach untypisch. Normalerweise beherzigen Männer mit Bauchansatz den schlichten und schönen Grundsatz, dass derjenige, der im Glashaus sitzt, nicht mit Steinen werfen sollte. Sie essen und trinken gern, können genießen, sind keine Asketen - Letzteres ist bei Männern immer gefährlich, weil sie so schnell in Extremismus verfallen, nur noch Wasser trinken und morgens vor sechs Uhr 20-Kilometer-Läufe absolvieren. Das ist kein Leben für mich, besonders die Sache mit dem Wasser nicht. Männer, die körperlich perfekt sein wollen, sind mir suspekt: Sie haben offenkundig nichts Richtiges zu tun, wenn sie ihre Zeit im Fitnessstudio verschwenden können, sind also nicht bedeutend und denken keine großen Gedanken. Mein nächstes Projekt besteht darin, Männern die gleiche Einsicht über Frauen nahe zu bringen: Wenn Frauen Bauchansatz haben, sind sie bedeutend und intellektuell überlegen. Und wenn sie schlank sind - naja, dann können sie ja mal bei der eingangs erwähnten Tonne vorstellig werden.
Susanne Gaschke

Contra
Einen kenn ich, der kennt die besten Rotweine, dunkle, samtige Wunder, die nach Johannisbeere, Wald und Lava duften und rechtzeitig dekantiert sind. Da ist einer, der kocht ein Kartoffel-Pilz-Gratin, das man kaum essen mag, weil man sich reinlegen möchte. Einer, mit dem kann man Apfelschnaps kippen, bis der Arzt kommt. Oder der, der immer sagt: Wat brauchste, Kind? Käsebrot? Fleischwurstbrötchen? Schoko? Ja, solche Männer gibt es. Wo?
Bei meinen Freundinnen. Runde weiche Wesen, die haben Männer, die wie ihre Zwillinge aussehen, runde weiche Wesen. In deren Küchen hängen keine Weight-Watcher-Tabellen, da köchelt Coque au Vin, dem Duft nach zu schließen, seit Stunden. Setz dich, sagen die Freundinnen, iss erst mal was.
Hundert Worte, um das Thema Bauchansatz möglichst weiträumig zu umsteuern.
Warum muss man eigentlich über Bäuche reden? Wird nicht schon genug über Busen gequatscht, sehen wir nicht zu viel Schamhaar aller Orten, wahlweise Arschansätze auf dem Pausenhof? Über Bauchansätze habe ich eigentlich gar nichts beizusteuern. Da kenn ich mich nicht aus. Erfahrungsnotstand. Bäuche? "Nie!", müsste ich wahrheitsgemäß sagen beim Blick auf meine Männer. Es gab Sportler, Intellektuelle, Motorradfahrer, sogar Lehrer. Aber mit Bauch? Nur einmal, zweimal hatte ich in meinem Leben näher mit Bauch zu tun. Neunter Monat. Unfähig, mir auch nur die Schuhe zuzubinden, von anderen Dingen ganz zu schweigen. Danach war ich wieder mein altes Selbst. Bauchlos.
Susanne Mayer