Einflussreich und zugleich nahezu unbekannt ist der Brite Green Gartside. Mit seinem Projekt Scritti Politti wagte er den Schritt von Postpunk über Pop zum Mainstream und wieder zurück. Songs To Remember , das Debütalbum aus den frühen 80ern, ist ein Klassiker der englischen Popmusik. Wie sich darauf Seele, Intellekt und die unvergleichliche Stimme von Gartside bündeln, das lässt auch heute noch aufhorchen.

White Bread Black Beer ist nach mehrjähriger Pause in diesen Tagen ein neues Songkompendium von Paul Julian Strohmeyer, wie Gartside mit bürgerlichen Namen heißt. Das Album knüpft wie Anomie & Bonhomie von 1999 an die Großtaten des öffentlichkeitsscheuen Musikers an. Vergessen sind die extrem seichten Momente der späten 80er Jahre, als Gartside Subversion im Mainstream suchte und Pop und Politik für einen Moment vereinbar schienen. Seine Stimme erklingt 2006 so klar wie vor nunmehr fast 25 Jahren.

Thomas Winkler hat Gartside für die taz getroffen. In einem schönen Interview erzählt der Musiker von mangelndem Ehrgeiz, Unsicherheiten und dem Fluch der Philosophie. Texte zu Scritti Politti finden sich in den Kölner Musikzeitschriften Spex und Intro .

Frage in der taz : "Wollten Sie als der Popstar mit dem wenigsten Ehrgeiz in die Geschichte der Popmusik eingehen?" Antwort: "Ich weiß nicht. Danach zu streben, das wäre doch viel zu ehrgeizig." Und weiter: "Ich dachte, ich könnte meine Unsicherheiten überspielen und eine ironische Distanz wahren. Aber selbst damals in den Tagen von Punk: So sehr ich auch unbedingt in einer Band sein wollte, mindestens so sehr hat mich schon damals das Musikmachen und Musikaufnehmen interessiert. Leider soll man dann auch auf die Bühne gehen und diese Songs präsentieren."

Das neue Album spiegele den Klang wider, "der entsteht, wenn jemand allein in seinem Zimmer sitzt und mit Worten und musikalischen Einflüssen herumspielt", um sich vom Rest seines Lebens abzulenken. Der Erfolg erscheint Gartside ebenso schmerzhaft wie das Versagen. Auf die Philosophie kommt er immer wieder zurück, wie "ein Hund, der nicht aufhören kann, an seinem kranken Bein herumzukauen". Nicht ohne Grund hieß bereits auf seinem ersten Album ein Stück Jacques Derrida . "Ich kehre stets zurück zu den Dingen, die ich besser sein lassen sollte. Wenn man offensichtlich nicht dafür gebaut ist, in der Öffentlichkeit Musik zu machen, dann sollte man es verdammt noch mal sein lassen. Und wenn einen Philosophie in Verwirrung stürzt und verstört und quält, dann sollte man sich verdammt noch mal nicht mehr mit ihr beschäftigen. Aber ich kann wohl nicht anders, ich gebe mich nicht geschlagen, ich werde weiter an meinem Bein herumkauen." Scritti-Politti-Freunde danken es ihm.

Ebenso einflussreich wie Green Gartside ist der britische Sample-Virtuose Matthew Herbert . Auf Scale hat er Songs für seine Freundin Dani Siciliano produziert. Mit der Neuen Züricher Zeitung unterhält er sich über das Konzept hinter seiner Musik und ehemalige Weggefährten.

Für Herbert ist der Sampler das wichtigste Instrument der Musikgeschichte. "Beim Sampler gibt es keine Unterscheidung zwischen Klang und Lärm, es gibt keinen vorgegebenen Standard für Schönheit, für künstlerischen Wert. Man arbeitet einfach mit verschiedenen Informationen - das kann das Scheißen eines Hundes sein oder eine Passage aus einer Miles-Davis-Platte. Damit ist eine Demokratie der Erfahrung gegeben."

Im Gegensatz zu ehemaligen Weggefährten wie Cristian Vogel oder Aphex Twin ist Herbert noch immer äußerst produktiv. "Cristian ist besonnen in allem, was er probiert; er wartet ab, bis er etwas herausbringt. Richard D. James alias Aphex Twin ist talentiert, aber sehr zynisch. Und er ist reich: er braucht nicht zu arbeiten. Im Moment hat er offenbar keinen Grund, keine Lust, sich noch einmal herauszufordern."

Als "unaufgeregtes Wunderkind" wird die Australierin Justine Electra gepriesen.