Die Basis dieses Pools muss schließlich so groß wie möglich sein, sagte der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger. Damit schließt sich Oettinger einer Forderung an, die bislang primär von SPD-Linken wie Andrea Nahles vertreten wird. Die Koalition überlegt derzeit, wie ein Fonds zu realisieren ist, in dem alle gesetzlich Versicherten, Unternehmen und Steuerzahler einzahlen. Die Krankenversicherungen würden aus diesem Pool einen Pauschalbetrag für jeden Versicherten erhalten. CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn äußerte sich irritiert über Oettingers Aussagen: "Wenn die privaten Krankenversicherungen künftig nur eine Basisabdeckung mit Kontrahierungszwang anbietet, ist das Geschäftsmodell der Privaten tot." 

Eine bittere Pille droht zudem Millionen von Freizeitsportlern: Unfälle beim Radeln, Fußballspielen, Skifahren, Surfen oder Drachenfliegen, aber auch selbst verschuldete Unfälle im Haushalt oder Straßenverkehr könnten schon bald nicht mehr auf Krankenschein behandelt werden. Laut Bild -Zeitung sollen auch Komplikationen nach Piercings, Tätowierungen und Schönheitsoperationen nicht mehr auf Kassenkosten behandelt werden. Was die Kassen weniger zahlen, müssten die Patienten dann selber tragen. Für eine Privat-Police zur Absicherung dieser Risiken wurden bislang Prämien zwischen 12 und 27 Euro monatlich genannt.

Die Überlegungen der Koalition sind in vielen Punkten umstritten. In einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisierte ver.di-Chef Frank Bsirske den erwogenen Verzicht auf einen krankheitsbezogenen Risikostrukturausgleich. Dies hätte "verheerende Folgen für die großen Versorgerkassen". Jenen Kassen mit einem hohen Anteil Kranker würden die größten Lasten aufgebürdet, ohne dafür einen Ausgleich zu erhalten. Ein Fonds verstärke die "ungleichen Wettbewerbsbedingungen zwischen den Kassen". Kritik kam auch vom Marburger Bund, den Grünen und dem früheren Bundesgesundheitsminister Norbert Blüm (CDU). 

Zustimmend äußerte sich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Nach Ansicht des DIW-Forschungsdirektors Gert Wagner heizt ein Gesundheitsfonds den Wettbewerb an. Wenn Versicherungen aus dem Fonds einen Festbetrag für jeden Versicherten bekämen, wären Krankenkassen, die besser wirtschaften, attraktiver für neue Kunden.

Die SPD-Linke Andrea Nahles äußerte sich generell skeptisch gegenüber einem Gesundheitsfonds. Sie kenne kein Fondsmodell, bei dem nicht der Arbeitgeberanteil eingefroren und die Versicherten mit einer zusätzlichen "kleinen Kopfpauschale" belastet werden sollten. Die künftige Kostendynamik dürfe "keinesfalls alleine zu Lasten der Arbeitnehmer gehen". Nahles wiederholte die Forderung nach Einbeziehung der privaten Krankenversicherungen in die Reform. Wichtig sei, dass dabei "ein fairer Wettbewerb" zwischen der privaten Versicherung und den gesetzlichen Kassen hergestellt werde.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte am Freitag erklärt, Union und SPD seien sich bei ihren Verhandlungen "in vielem sehr nahe gekommen". Einzelheiten stünden vor "Ausbruch des wirklichen Sommers" fest. Ende des Jahres solle die Reform Gesetz werden. Schmidt betonte, ein Fonds sei nur eine von mehreren Möglichkeiten. Alternativen nannte sie nicht. Zuvor hatte sie das Modell in die Arbeitsgruppe Gesundheitsreform eingebracht.