ZEIT online: Der 16-jährige Amokläufer in Berlin, sexuelle Demütigung, die mit dem Fotohandy dokumentiert wird, Messerstechereien unter Mädchen und Gewalt auf dem Schulhof - sind das mehr als nur spektakuläre Einzelfälle?

Hans Merkens: Nach Angaben der Polizei gibt es keine Zunahme an Jugendkriminalität und an Gewalttaten von Jugendlichen. Gegenwärtig verzeichnen wir in der Tat spektakuläre Einzelfälle, die dann auch immer wieder für typisch gehalten werden. Da wir vor einiger Zeit nichts von ähnlichen Fällen gehört haben, denkt man sofort, dass es sich um eine Zunahme handeln müsste. Das ist aber empirisch nicht belegt.

ZEIT online: Diese Fälle sind also nicht das Spiegelbild einer Gesellschaft, die immer brutaler wird?

Merkens: Nein. Wenn die Gewalt von Jugendlichen nicht zugenommen hat, dann kann man das nicht als ein Indiz dafür nehmen, dass es in unserer Gesellschaft immer brutaler zugeht.

ZEIT online: Wo liegen dann aber die Ursachen für das Verhalten der gewaltbereiten und dann auch gewalttätigen Jugendlichen?

Merkens: Physische Gewalt tritt immer dann auf, wenn es zu einem Kontrollverlust kommt. Dieser Kontrollverlust unter Jugendlichen scheint nicht unabhängig davon zu sein, wie die Jugendlichen gebildet sind. Ein Faktor, um Gewalt zu mindern und Kontrolle besser auszubilden, ist demnach die Bildung.

ZEIT online: Der Staat und die Schulen stehen hier in einer besonderen Verantwortung?

Merkens: Ich denke, ja. Es gibt zwar viele, die immer auch meinen, dass man die Familie besser heranziehen müsste. Aber leider erweist es sich in vielen Fällen, dass die Familien gerade eben nicht dazu in der Lage sind, die ihnen übertragenden Aufgaben auch so zu erfüllen, dass es Aussicht auf Erfolg hätte. Es ist also schon eine besondere Herausforderung für den Staat, für die Jugendlichen Chancen zu entwickeln, die ihnen auf Dauer bessere Zukunftsaussichten ermöglichen. Dies gilt besonders für all diejenigen Kinder aus einer schwierigen Familiensituation.

ZEIT online: Der Ruf nach dem Staat ist aber immer auch ein Ruf nach Geld - und das ist knapp bemessen.

Merkens: Das ist richtig. Wenn wir uns zum Beispiel Berlin ansehen, dann gibt es kaum Aussicht auf Erfolg. Hier und anderswo werden die Gelder für die Jugendhilfe gestrichen. Das ist nicht der richtige Weg. Ganz im Gegenteil: In Bildung, gerade in die frühe Bildung, müsste sehr viel mehr investiert werden, wenn wir wirklich erfolgreich sein wollten. Es stellt sich die Frage, wieviel Geld eine Gesellschaft für diese Aufgabe zur Verfügung stellt oder stellen kann.

ZEIT online: Sehen Sie da Staat und Gesellschaft nicht doch auch auf einem guten Weg? Schließlich wurde in letzter Zeit viel über diese Themen diskutiert?

Merkens: Trotz der finanziellen Misere gibt es auch Entwicklungen, die ich für positiv halte. Dazu gehört der Ausbau von Ganztagsschulen, wodurch wahrscheinlich mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten an Bildung herangeführt werden können.