Als wir vor ein paar Jahren unseren Urlaub in Dänemark verbrachten, fielen mir die vielen, vielen Nationalflaggen, vor allem die langen, spitz zulaufenden Ausgaben des Danebrog auf, welche die Haus- und Ferienhaus-Besitzer an ihren Hausgiebeln oder vom Mast in ihrem Garten wehen ließen. Wie sähe das bei uns in Deutschland aus, wenn von allen Häusern unser (nicht nur bundes-)republikanisches Schwarz-Rot-Gold flattern würde? Undenkbar – im dunklen Schlagschatten unserer Nationalgeschichte! (Mein Nachbar im einstmals, bis 1867, dänischen Altona pflegte, wenn er in Schmucklaune war, immerhin den Danebrog in den Fahnenhalter an seine Hausfront zu stecken – was da wohl früher, nach dem Bau des Hauses im Jahre 1889, alles schon gesteckt haben mochte?)

Als wir vor ein paar Jahren unseren Urlaub in Frankreich verbrachten, fiel mir auf, dass die angeblich so nationalbewussten (vielleicht sogar nationalistischen?) Franzosen mit einem Mal fast überall, jedenfalls vor allen öffentlichen Gebäuden, neben der blau-weiß-roten Trikolore zugleich die Europa-Flagge (goldene Staatensterne auf blauem Grund) aufgezogen hatten. Ihr Nationalbewusstsein ging also seither weder zu Lasten Europas – noch war Europa ihnen zur Ersatzidentität für eine zerstörte (oder zutiefst überholte) Nation geworden wie für viele Deutsche. Damals dachte ich bei mir, bei uns wäre diese flächendeckende Doppelbeflaggung schon deshalb nicht möglich, weil man dann ja neben jeder Europafahne (die ginge ja in Ordnung) auch die eher peinliche Schwarz-Rot-Goldene-Nationale hätte hissen müssen. Nur beim Segeln – und sei es auf der Hamburger Außenalster – war der „Adenauer“ immer schon absolut de rigeur !

Als vor ein paar Wochen in der ZEIT die Frage ventiliert wurde, inwiefern die Fußball-WM Deutschland verändern würde, habe ich mich ob dieser Frage ziemlich verwundert. "Natürlich gar nicht!", ist doch klar. Inzwischen gerate ich ins Schwanken – wenn ich die vielen, vielen schwarz-rot-goldenen Fähnchen an unseren Autos flattern sehe. Da mag ja viel Kommerz im Spiel gewesen sein, als diese Devotionalien beizeiten fabriziert und in den Tankstellen ausgelegt wurden. Aber obwohl das Ganze doch etwas irre wirkt, sieht es doch recht lustig aus – und bunt allemal. Von mir aus – manche flaggen ihr Auto ja auch mutli-kulti mit Fahnen aus mehrerer Herren Länder… Mir ist das massenhafte sommerliche Mit-sich-führen der deutschen Fahne jedenfalls doch lieber als das outrierte Aufstellen des liktorenhaften Fahnenständers in deutschen Amts-, Minister- und Präsidenten-Stuben, das ja als einziges Erbe der ansonsten völlig ausgefallenen geistig-moralischen Erneuerung unseres Ehrenwort-Kanzlers Helmut Kohl übriggeblieben ist. Während die Inflationierung eines Symbols sonst zu seiner Entwertung führt, trägt es in diesem Falle wohl erst einmal zu seiner Entschärfung bei. Irgendwie kommt eben Fan von Fahne…

Wir werden die Sache im Auge behalten… Ansonsten komme ich jetzt in eine gewisse persönliche Verlegenheit. Vor einiger Zeit war ich übereilt zu einer Reise aufgebrochen, hatte infolgedessen vergessen, einen Schlips zu meinem schwarzen Hemd mitzunehmen, musste also auf dem Flughafen schnellstens einen erstehen, griff mir das einzig brauchbare Exemplar – um erst an der verwunderten Reaktion meiner ersten Gesprächspartner festzustellen, dass dieses teure italienische (!) Bekleidungsstück ausgerechnet und exakt die Trikolore schwarz-rot-gold zeigte. Seither habe ich, streng anti-nationalistischer Liberal-Patriot der ich bin, das Ding gelegentlich zu Zwecken der Provokation getragen. Was mache ich aber nun, da ich damit niemals mehr jemanden provozieren kann – und doch auch nicht für einen Fußball-Experten gehalten werden möchte?