Wenn ich am Nachmittag in den Wintergarten komme, blicken mir 20 fröhliche, erwartungsvolle, ausdruckslose oder abwesende Gesichter entgegen. Einigen bringe ich die sehnlichst erwartete Abwechslung, andere sind sicher, mich noch nie gesehen zu haben, obwohl ich jeden zweiten Sonntag hier musiziere.

Ich spiele für Demenzkranke. Meine kleinen Auftritte mit dem Konzertakkordeon sollen ihnen helfen, sich über die Lieder an alte Zeiten und die dazugehörenden Erlebnissen zu erinnern. Wenn ich beginne, fangen die leeren Gesichter an zu strahlen; sie tun es sonst nie. Es tanzen Menschen mit ihrem Ehepartner, die ihn sonst nicht mehr erkennen. Es sprechen und singen Menschen zusammenhängende Liedtexte, die sonst nur noch lallen. Ihre Lippen bewegen sich, ihre Füße wippen im Takt. Einige spielen Geige in der Luft, andere dirigieren.

Das allein motivierte mich, immer wieder her zu kommen. Doch ich spiele auch für meinen Vater, der vor zwei Jahren in einem Heim gestorben ist. Hier habe ich das Gefühl, ihn noch einmal zu erleben, als er 82 war … Wenn Herr A. zu Märschen rhythmisch in die Hände klatscht, dann wird mir mein Vater wieder lebendig.

Manchmal gehen mir die Erlebnisse auch zu nah. Wenn mein ehemaliger Mathematiklehrer mir gegenübersitzt und durch mich hindurch sieht. Dann wird mir die eigene Vergänglichkeit und die Schicksalhaftigkeit des Seins bewusst. Wie grausam das Leben sein kann.

Während des Musizierens schleichen sich solche Gedanken ein, später verdränge ich sie. Leichter ertrage ich die Kollisionen der Erblindeten mit meinem Notenständer oder die verwirrten Äußerungen einiger Bewohner, ihren Streit untereinander, die sie sich in einer auferlegten Gemeinschaft befinden und ihr manchmal entfliehen wollen, aber nicht können.

Mein Ziel ist es immer, möglichst publikumsnah zu sein, dabei auch anspruchsvoll. Ich spiele keine Kinderlieder und nur selten Volkslieder. Es gibt jedes Mal ein neues Programm, das unter einem anderen Thema steht: „Wir reisen nach Wien in den Prater“, „Wir sitzen in Paris an der Seine“, „Wir spazieren unter den Linden in Berlin“, „Wir tanzen Tango um Mitternacht“, „Wir segeln auf einem Segelschiff“, „Wir wandern am Rhein“ oder „Wir genießen die warmen Nächte auf Capri, in Griechenland und Italien“. Auch Nachmittage mit Filmmelodien können Erinnerungen aus dem Unterbewusstsein hervorholen.