Bürger kennen das Bild von Neujahrsansprachen: Die Kanzlerin sitzt vor einem Standbild, fühlt sich offensichtlich nicht ganz wohl in ihrer Rolle. Sie liest einen Text vom Teleprompter ab. Ob sie ihn selbst geschrieben hat? "Neue technische Möglichkeiten faszinieren nicht nur junge Menschen - auch ich habe Freude daran", sagt Merkel in ihrem ersten Videocast. Begeisterung sieht anders aus. Hin und wieder lässt sie ihrer Rede etwas freieren Lauf - dann wirkt sie fast ein bisschen authentisch, die Bundeskanzlerin. Die moderne Kanzlerin

"Einfach sensationell" findet Wolfgang Stock von der ausführenden Firma RCC Public Affairs den Schritt. Der Merkel-Biograf und frühere Journalist hatte die Kanzlerin Anfang des Jahres auf den Geschmack gebracht. Die Kanzlerin zu überzeugen sei gar nicht notwendig gewesen, denn die Idee hätte sie sofort gut gefunden. Anders als ihr Amtsvorgänger Schröder ist Merkel nicht mit der oft auch kritisierten Telegenialität gesegnet, im richtigen Moment die richtigen Gesten und Worte in Richtung Kamera zu sagen. Und so kommt ihr das neue Format entgegen. Hier stellt ihr kein Journalist unangenehme Zwischenfragen, sie kann einen Gedanken zu Ende führen - wenn sie es möchte. Monolog mit dem Wähler statt journalistischer Selektionsfilter, ein legitimes Interesse der politisch Verantwortlichen.

Die deutsche Politik hatte bislang Schwierigkeiten mit dem Internet. Wie sollte man es nutzen? Homepages haben fast alle Mandatsträger - doch viele sind digitale Einöde statt Kontaktstelle zwischen Parlamentarier und Bürger. Eine der interaktivsten Formen, Weblogs, wurden von Politikern im letzten Bundestagswahlkampf getestet. Doch die meisten wurden halbherzig betrieben - unpersönlich, uninteressant, nicht auf Kommunikation ausgelegt. Fast alle Politikerblogs sind entsprechend nach der Wahl wieder eingestellt worden. Oder warten auf den nächsten Wahlkampf.

Und Merkel? Ihr Videocast ist derzeit eine Einbahnstraße, Fernsehen via Internet. Technisch zum Mitnehmen geeignet. Kommentare möchte die Kanzlerin per E-Mail bekommen - was in deutschen Blogs mit Stirnrunzeln quittiert wird. Ein richtiges Video-Weblog, ein so genanntes Vlog, das wäre für die Kanzlerin offenbar doch noch zu experimentell. Doch ein erster Schritt ist gemacht. Noch 2004 erklärte Merkel gegenüber Landfrauen: "Vor lauter Globalisierung und Computerisierung dürfen die schönen Dinge des Lebens wie Kartoffeln oder Eintopf kochen nicht zu kurz kommen." Ob der Meinungswandel wirklich mehr als Imagepolitur ist? Die Zuschauer werden es vielleicht sehen.

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