Seit es zur festen Arbeitsplatzbeschreibung von Fußballreportern gehört, für den Transport von Fan-Emotionen, positiven Patriotismus und die allgegenwärtige Frage nach der "Stimmung" zuständig zu sein, hat sich ein Sammelbegriff eingeschlichen: Egal, ob der Jubel nach einem Torschuss gemeint ist, gute Laune im Biergarten oder aufdringliches Gegröle alkoholisierter Touristen - stets ist von "Euphorie" die Rede. "Euphorie" ist positiv, nur bei Spielern darf sie nicht zu Überheblichkeit führen, dann treten Trainer - so unsere Sportreporter - auf die "Euphoriebremse".

Wie steht es nun um die gewöhnlichen Deutschen, die es zu Fahnen und Farben drängt wie nie zuvor? Nach allgemein akzeptierter Lesart besteht kein Grund zur Sorge. Endlich gedeihe schwarz-rot-goldene Normalität. Was schon Roman Herzog sein wollte und Horst Köhler nie schafft, seien nun die deutschen Fans: unverkrampft.

Ich aber ertappe mich dabei, wie ich durch meine Strasse gehe als sei ich Samuel Huntington nach 9/11 - heimlich die Beflaggung zählend. Die Bilanz: neun Fahnen, eine sehr groß mit Adler, keine brasilianischen Antipoden. Noch ungeschmückt ist das Haus der FDP-Landtagsabgeordneten schräg links gegenüber. Außerdem gibt es ein neues Phänomen. An sehr billig aussehenden Plastikstäbchen werden Fähnchen ins Autofenster geklemmt. Bis gestern hielt ich dies für ein Unterschichtenphänomen, zumal sich einschlägige Boulevardzeitungen um die Verbreitung verdient gemacht haben. Jetzt hat auch der direkt gegenüber wohnende Zahnarzt seinen Familienkombi so beflaggt. Gibt es einen Umschlagspunkt, ein Zuviel, ein Signal für einen möglichen schwarz-rot-goldenen Dammbruch? Müsste man intellektuelle auf die "Euphoriebremse" treten, wenn z.B. die FDP-Individualistin einschwenkt?

Ich habe mir einen Mitmenschen, der davon nichts ahnt, zum Maßstab erkoren. Rechts gegenüber wohnt ein freundlicher Orchestermusiker, Oboe in der Philharmonie. Wenn es den erwischt, dann allerdings halte ich Auswüchse aller Art für möglich.

Wenn dann der Sportsoziologe Gunter Gebauer, der im Fußball stets die anthropologische Verzweifelung darüber, dass wir keinen Greif-Fuß haben, walten sieht, mit schwarz - rot -goldenen Fähnchen ins Olympiastadion einzieht; wenn Peter Sloterdijk, der der Jagd entwöhnte Hermaphroditen am Werk sieht, weswegen der Ober-Hermaphrodit Kevin Kuranyi nicht mitdurfte (oder so ähnlich), sich in ein zu enges Nationaltrikot zwängt und wenn Roger Willemsen, der tatsächlich glaubt, die Fußballer würden sich "Gut Sport" zurufen, vermeintlich weiß, dass das gesamte Kulturprogramm total unkritisch ist, sich mit Fingerfarben die Bäckchen anmalt, dann erst wäre ich sicher: die deutsche Abwehr funktioniert nicht.

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