Gerade mal drei Alben hat die amerikanische Metal-Band Tool seit 1993 veröffentlicht. Jetzt erscheint mit 10.000 Days ihr viertes. Zum Experimentieren nutzen sie die langen Phasen dazwischen offensichtlich nicht. Im Gegensatz, Tool klingen immer, sagen wir, ein wenig konservativ. Eine Weiterentwickung ist kaum zu erkennen. Undertow von 1993 klingt vielleicht noch eher scheppernd, offen, Lateralus von 2002 und das neue Album wirken kompakt und geschlossen, fast monumental.

Vielleicht gründet der Erfolg der Band gerade auf dieser Verlässlichkeit. Während sich in den Neunzigern viele Rock- und Metalbands – so Metallica, die Red Hot Chili Peppers oder Pearl Jam – zu Massenphänomenen entwickelten, blieben Tool eher unauffällig. Gleichwohl füllen sie die Hallen. Ihre Alben verkaufen sich gut, ihre Anhänger sind begeistert. Bei Rock am Ring spielten sie vergangenes Wochenende an der Seite von Metallica und Depeche Mode in der ersten Reihe.

Tool präsentieren ausufernde, komplexe Songs, die weniger auf einen ergreifenden Refrain abzielen als auf immer neue Brüche in Rhythmus und Melodie. So erzeugen sie Spannung; wenig berechenbar wechseln sie zwischen laut und leise, zwischen den Tempi und Stimmungen. Die Stimme von Maynard James Keenan wirkt gepresst, ja schneidend, und das Schlagzeug kommt stumpf daher. Die Gitarre hingegen hallt manchmal so sehr, als sei sie von Marillion oder Pink Floyd. Dann wieder ist sie klar und sägend. Die Texte sind außergewöhnlich, morbide, metaphernreich, kritisch, direkt. “I own the TV 'cause tragedy thrills me. Whatever flavor it happens to be “, heißt es in Vicarious.

Nach den großen Festivals spielen Tool eine kurze Tour, so kommen sie auch in die Alsterdorfer Sporthalle nach Hamburg. Schon draußen wird klar: Das hier ist Jungsmusik. Männer mit dicken und dünnen Bäuchen zeigen mit ausgewaschenen, grauen T-Shirts, wer sie sind: Metallicas Kill' em all , Queens of the Stone Age, sogar Led Zeppelin. Ein Tool-Shirt wäre vielleicht zu neu. Schon unter freiem Himmel riecht es nach Schweiß und Bier. Aus der Halle ist schon lange vor acht aller Sauerstoff entwichen.

Um halb neun erlischt das Hallenlicht, aus sechstausend Kehlen schreit’s, und mit einer Überportion Theatralik betritt die Band die in blauvioletten Nebel getauchte Bühne. Im Hintergrund hängen vier Leinwände, auf denen organische Formen wabern. Ganz vorn der Bassist, schön in Trainingshose, und der Gitarrist. Auf einem Podest der Schlagzeuger, versteckt zwischen Trommeln, auf einem anderen Podest der Sänger, mit nacktem Oberkörper und Sonnenbrille. Immer wieder gruppiert sich das Licht zu Säulen, zucken Blitze zu Keenans Schreien.

So wird das Publikum zum Jubeln gebracht. Die Fans erkennen jeden Song am ersten Akkord. Besonders die älteren Sachen kommen gut an, sie heißen Sober , Schism und Stinkfist . Keines ist kürzer als acht Minuten. Sänger Keenan steht immer auf seinem Podest, also bestimmt fünf Meter von der Menge entfernt. Wenn er nicht singt, posiert er. Genau zweimal wendet er sich an seine Fans: „Hello Germans“ und – neunzig Minuten später – „Goodbye Germans“.